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Erzähl´ mir Deine Geschichte... Stabshauptmann Arndt Stroscher

München, 08.08.2016.
Stabshauptmann Arndt Stroscher ist seit vielen Jahren leidenschaftlicher Leser. Nichts Ungewöhnliches – bis er 2009 damit begann, in Foren Rezensionen zu schreiben. Mit dem Gewinn des Leserkompasses, einem Rezensionswettbewerb, fiel für den Fachdienstoffizier aus der Sanitätsakademie der Bundeswehr der Startschuss, ein literarisches Gedächtnis zu schaffen. Auf seiner Internetseite „AstroLibrium“ veröffentlicht der 54-Jährige durchschnittlich acht Rezensionen im Monat. Hinzu kommt alle 14 Tage ein Hörfunkbeitrag. Doch das Projekt AstroLibrium ist nicht nur ein „Literarisches Wohnzimmer“, es steht auch für sein Engagement gegen das Vergessen.

Stabshauptmann Arndt Stroscher im Büro

Stabshauptmann Arndt Stroscher im Büro (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr/Henning)Größere Abbildung anzeigen

Ich lebe in einem der freiesten Länder der Welt und habe mir selbst die Aufgabe auferlegt, dafür zu sorgen, dass so etwas wie der Holocaust nicht noch einmal geschieht. Die Beweggründe für meinen Kampf gegen das Vergessen liegen auch in meiner Familiengeschichte. Darum fahre ich mit Peggy Steike, einer politischen Malerin, an Schulen. Nicht nur dort sind Diskriminierung, Hass und Mobbing nach wie vor aktuelle Themen. Hier versuchen wir, jungen Menschen mit einfachen Beispielen klarzumachen, was es bedeutet, diskriminiert zu werden. Wir sagen den Schülern: „Stell‘ Dir mal vor, man würde aus Deinem Panini-Fußballalbum den Mesut Özil rausnehmen – eben weil er Özil heißt, eine andere Religion hat und irgendwie anders aussieht.“ Dann schlagen wir eine Brücke in die Vergangenheit kommen mit einer Geschichte von einem Fußball-Nationalspieler, der 1944 in einem Konzentrationslager ums Leben gekommen ist.

Collage vom Schulprojekt Hannah

Collage vom Schulprojekt Hannah (Quelle: privat)Größere Abbildung anzeigen

Wenn das Entsetzen dann groß genug ist, schnappen wir uns die Klasse und fragen sie: „Waren bei der letzten Klassenparty wirklich alle dabei?“ Oder ist das vielleicht ganz lustig, am Montag über die Klassenparty zu sprechen, ganz nach dem Motto: „Wir haben alle über Whatsapp eingeladen aber Dich haben wir vergessen“. Gründe dafür, ausgeschlossen zu werden, können vielfältig sein: Trägt man einfach nur die falschen Schuhe, andere Klamotten, hat man kein Smartphone oder ist es abstoßend, ein Kopftuch zu tragen? Wir gegen einen, wir gegen Underdogs. Manche brauchen anscheinend immer einen Schwächeren, um sich wohl zu fühlen. Das thematisiert der Film „Die Welle“ sehr gut, aber auch ganz viele Bücher beschäftigen sich ausgiebig mit diesem Thema. Und diese darin aufgegriffenen Messages versuchen wir, mit unseren Unterrichten in die Klasse hineinzutragen. Die Malerin Steike, zum Beispiel, hat ein Gemälde mit Porträts von ehemaligen Opfern des Holocaust gemalt. Hinter jedem Porträt steht eine Geschichte, die wir besprechen, sei es der Fußball-Nationalspieler oder die Musikerin. Mit diesen Einzelschicksalen kann ich heute junge Menschen sensibilisieren. Übertragen auf die heutige Zeit heißt das nichts anderes, als dass in einem Bus mit Flüchtlingen nicht 50 Syrer oder 50 Nordafrikaner sitzen, sondern 50 Menschen. Menschen mit 50 unterschiedlichen Geschichten, Talenten oder Fähigkeiten. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, über die in dem Bus Sitzenden zu urteilen und diese als stumpfe Masse zu sehen. Nein, wir versuchen Schicksale herauszuarbeiten.

Mit diesem Konzept haben wir ein Netzwerk an Schulen aufgebaut, in denen wir gern gesehene Gäste und fester Programmpunkt geworden sind. Auf verschiedenen Wegen wollen wir zeigen, dass die Opfer des Holocaust nicht vergessen werden dürfen. Indem wir ihre Schicksale aufgreifen, sie in Erinnerung rufen und daraus unsere Lehren ziehen. Bildlich gesprochen heißt das: Ich kann nur sicher Auto fahren, wenn ich einen Rückspiegel habe, denn wenn ich Katastrophen im Rückspiegel sehe, dann fahre ich vorsichtiger.

Collage gegen das Vergessen

Collage gegen das Vergessen (Quelle: privat)Größere Abbildung anzeigen

Aktuelles Beispiel ist eine Schule in Fürstenfeldbruck. Auf dem Lehrplan der Schüler steht der Besuch der Gedenkstätte im Konzentrationslager Dachau. Die Beobachtung der Lehrer ist, dass die Schüler von diesen überaus erschreckenden Eindrücken überflutet werden. Für junge Menschen ist es nicht vorstellbar, dass sechs Millionen Juden ermordet wurden. Darum haben wir - gemeinsam mit der Schule und in Vorbereitung auf diesen Besuch - einen anderen Ansatz gefahren. Die Schüler sollten ein Smartphone mit in die Schule nehmen und eines der mitgebrachten Porträts der Malerin fotografieren. Und wenn sie Mumm hätten, sollten sie ein Bild in den sozialen Netzwerken posten. Unsere Botschaft: „Geht auf die Suche nach dem einen Schicksal, das Euch besonders berührt.“ Wenn ich dann am Folgetag eines Unterrichtes das Bild eines jüdischen Kindes mit der Bildunterschrift „Mein Name ist Hakan, und ich möchte nicht, dass ein Kind so stirbt“ in sozialen Netzwerken sehe, dann ist das ein großer Moment für mich.

Doch der Kampf gegen das Vergessen, gegen Diskriminierung und Hass ist nur ein Schwerpunkt für meine Bücherauswahl. Die Auswahl für meine Bücher treffe ich auf den beiden großen Buchmessen. Durchschnittlich acht Bücher lese ich im Monat. So ist die 90-minütige Fahrt zur Dienststelle mit öffentlichen Verkehrsmitteln kein Fluch, sondern ein Segen für mich. Es gibt mir Zeit, jeden Tag beim Lesen tolle Momente zu erleben. Ich tauche dann völlig in meine Bücher ein und vergesse die Außenwelt. Das entschleunigt mich unheimlich. Meine Leidenschaft für Bücher möchte ich nicht nur über das Internet teilen. Die Faszination von Büchern erlebe ich auch auf den Leseabenden in einem Kinderheim, für das ich mich seit einigen Jahren engagiere. Dabei greife ich mir vorher ein Kinder- bzw. Jugendbuch heraus, lese dieses gemeinsam mit den Kindern, und auf den Buchmessen führe ich dann mit dem jeweiligen Schriftsteller ein Interview. Wenn ich dann mit Autogrammen für jedes Kind von der Buchmesse zurückkomme und die von mir aufgezeichneten Grußworte des Schriftstellers abspiele, dann ist die Begeisterung bei den Kindern riesig. Literatur kann eben auch ganz unmittelbar und nah sein.

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Stand vom: 08.08.16 | Autor: Uwe Henning


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