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Medical Intelligence – Schutz der Streitkräfte im Einsatz durch das medizinische Nachrichtenwesen der Bundeswehr

Gefahren im Ausland drohen den Einsatzkontingenten nicht nur durch Beschuss und Minen, IEDs und Überfälle. Auch Krankheiten und Seuchen, Insekten, verschmutztes Trinkwasser oder unverträgliche Lebensmittel können die Gesundheit der Soldaten massiv gefährden. Dabei stellt die dauerhafte Erhaltung der militärischen Einsatzfähigkeit in tropischen Einsatzländern den Sanitätsdienst der Bundeswehr vor nie gekannte Herausforderungen. Medical Intelligence (MEDINT) wirkt diesen Gefahren bereits vorbeugend entgegen.

MEDINT wird verstanden als die Sammlung, Analyse und Bewertung von medizinischen und biologischen Informationen sowie Daten über die Umweltverhältnisse, die für die strategische und sanitätsdienstliche Planung von Operationen und den Erhalt der Einsatzfähigkeit der Streitkräfte von Bedeutung sind, und daraus resultierender Empfehlungen. Ein weiterer Auftrag ist das Führen der Weltseuchenlage, also die Beobachtung von Krankheitsausbrüchen in der ganzen Welt.

Unter den erschwerten Einsatzbedingungen in Krisensituationen haben gerade Infektionserkrankungen eine besondere Bedeutung. Die Erfahrungen auch aus den jüngsten Konflikten haben gezeigt, dass bis zu 80 Prozent der ausgefallenen Soldaten wegen Infektionserkrankungen und nicht wegen Verletzungen ausgefallen sind. Bisher traten bei deutschen Einsatzrückkehrern dank effizienter Vorsorgemaßnahmen nur sehr wenige spezifische Tropenerkrankungen auf: 21 Fälle von Kutaner Leishmaniasis seit 2003 aus Afghanistan (ISAF) sowie acht Malariaerkrankungen.

Historie

Bereits 2001 wurde am Sanitätsamt der Bundeswehr in München ein eigenes Dezernat für MEDINT eingerichtet. Dieses besteht inzwischen aus drei tropenmedizinisch ausgebildeten Ärzten, einem Dezernatsleiter und zwei Dezernenten, einem Nachrichtenoffizier sowie zwei Feldwebeln.

Dabei wird es durch die Dezernate Tropenmedizin sowie Umweltmedizin und Toxikologie und auch von der Abteilung Veterinärmedizin mit fachlichen Beiträgen unterstützt. Hier sind noch einmal fünf hoch qualifizierte Spezialisten beschäftigt.

Auftrag

Die zuständigen Kommandobehörden erteilen dem Dezernat die Arbeitsaufträge und fordern Informationen zu dem speziellen Einsatzgebiet und Szenario an. Im Fachjargon nennt sich das Request for Information - RFI. Dies löst eine Folge von Abfragen bei den verschiedenen Quellen aus.

Gleichzeitig beginnen die MEDINT-Experten für medizinisches Nachrichtenwesen mit eigenen Recherchen. Diese erste Phase wird als Sammlung, als Collection, bezeichnet.

Vorgehen

Das eigene Lagebild wird durch den Informationsaustausch mit entsprechenden Einrichtungen der Sanitätsdienste und anderer militärischer Dienststellen von Verbündeten und Partnern, sowie geeigneten zivilen Fachinstituten, Dienststellen, Regierungs- und Nichtregierungs-Organisationen bestätigt bzw. ergänzt.

Das beginnt mit dem Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine in Kiel-Kronshagen und geht bis zum Bundesnachrichtendienst in Pullach bei München. Externer Sachverstand wird hierbei zur Ergänzung eigener Expertise einbezogen. Sehr wichtig sind auch Informationen, die MEDINT von Soldaten, vor allem den Sanitätskräften, im Einsatz erhält. Denn diese stellen für den Sanitätsdienst die Aufklärungskräfte dar!

Netzwerke

Aktive Mitarbeit in Netzwerken ermöglicht den Zugriff auf den dort vorhandenen Datenbestand. Dies ist zugleich Voraussetzung für die auf Gegenseitigkeit und Gleichberechtigung beruhende Teilhabe am nationalen und internationalen Informationsaustausch. Denn der Zugriff auf vergleichbare Informationen und Aufklärungsergebnisse der Partner kann nur durch eigene Beiträge im Tausch erreicht werden.

Dabei ist auf dem Gebiet der Nachrichtengewinnung eine Arbeit in starren Strukturen nicht möglich. Hier ist ein funktionierendes Netzwerk mit persönlichen Kontakten erforderlich, auf das man im Bedarfsfall zugreifen kann.

Meldungen

Auf der Basis der gewonnenen Informationen wird in einem zweiten Arbeitsschritt analysiert und anschließend bewertet. Zuletzt werden die Erkenntnisse für die jeweiligen Einsatzszenarien und Einsatzgebiete der Bundeswehr durch drei sich einander ergänzende Produkte herausgegeben. Diese enthalten jeweils eine Beschreibung, Bewertung und Empfehlung.

MEDINT „Akut“ informiert zu einsatzrelevanten Inhalten während der Einsatzvorbereitung und Einsatzdurchführung. MEDINT „Akut“ wird nach Anforderung durch den Bedarfsträger im Rahmen des Wissensmanagements im Militärischen Nachrichtenwesen erarbeitet und dann zur Verfügung gestellt.

MEDINT „Aktuell“ informiert unaufgefordert zu aktuellen Ereignissen mit medizinischer Relevanz im jeweiligen Einsatzland in Ergänzung zu MEDINT „Akut“. MEDINT „Warnung“ warnt unaufgefordert vor akuten medizinischen Ereignissen mit operativer Relevanz im jeweiligen Einsatzgebiet der Bundeswehr.

Problem Anforderung

„Warum sind wir Truppenärzte nicht berechtigt, ein MEDINT Akut anzufordern?”, lautet eine häufige Klage aus der Truppe. Diese Tatsache erweckt im ersten Moment den Eindruck, als sollten MEDINT Produkte den Truppenärzten vorenthalten werden. Das ist aber nicht der Fall, im Gegenteil!

An erster Stelle steht die Fürsorgepflicht des Disziplinarvorgesetzten. Genauso wie er verantwortlich ist, dass seine Soldaten für den Einsatz ausreichend ausgebildet und ausgerüstet sind, so ist er auch dafür verantwortlich, dass seine Soldaten die notwendigen medizinischen Informationen und Vorsorgemaßnahmen, wie Impfungen, für Ihren Einsatz erhalten. Daher ist es eine logische Konsequenz, dass der Disziplinarvorgesetzte verantwortlich ist für die Beschaffung eines entsprechenden MEDINT „Akut” auf dem Dienstweg.

Warum? - Weil an den meisten Einsätzen Soldaten aus unterschiedlichen Einheiten teilnehmen. Den Überblick, wer aus welchem Verband am Einsatz teilnimmt, haben die einzelnen Einheiten nicht. Um sicherzustellen, dass jeder Soldat die gleichen Informationen zeitgerecht erhält, muss ein MEDINT „Akut” auf dem Dienstweg von einer möglichst hohen Kommandostruktur angefordert werden.

Es ist also nicht die Aufgabe des Truppenarztes diese Informationen zu beschaffen. Für die Umsetzung, also vor allem für die Impfung und die Aufklärung der Soldaten, ist natürlich der Truppenarzt verantwortlich, deshalb muss er das MEDINT vom Disziplinarvorgesetzten rechtzeitig erhalten.

Problem Medien

Ein weiteres Problem stellt die oft reißerische Berichterstattung über Ausbrüche von Seuchen und Epidemien in den Medien dar, als Beispiel seien hier Cholera und Pest genannt. Diese Krankheiten machen Laien aus historischen Gründen besonders große Angst.

Wiederholt stellt der massive Beratungsbedarf der militärischen Führungsebenen bei derartigen Ereignissen ein massives Problem dar. Denn die ohnehin knappen Ressourcen für die eigentliche Arbeit werden dadurch blockiert. Und es lässt vergessen, dass viel unscheinbarere Erkrankungen, wie Malaria, Dengue-Fieber oder Influenza mindestens die gleiche Aufmerksamkeit verdient hätten.

Probleme International

Als Verantwortliche für den Bereich der Medical Intelligence arbeitet Oberleutnant Daniela Habegger im Sanitätsinspektorat der Schweizer Armee.

Da sich diese Stelle noch im Aufbau befindet, kam sie zur Einarbeitung für zwei Monate ins Sanitätsamt nach München. Durch internationale Zusammenarbeit werden Synergien genutzt, Erfahrungen und Informationen zum Nutzen des Gesundheitsschutzes der Truppen im Einsatz ausgetauscht.

Im Dezernat MEDINT lernt Oberleutnant Habegger wie die Informationssammlung abläuft, die Analyse und Verarbeitung der Datensätze sowie das Erstellen der Länderdossiers. Ihre Erkenntnis: „Die San-Ämter in Deutschland und der Schweiz haben mit den gleichen Problemen zu kämpfen, die teilweise so ähnlich sind, dass man das Gefühl hat, in der gleichen Firma zu arbeiten.“ Von den Kollegen und der Aufnahme in München ist sie begeistert.

Eine Messprobe mit überwiegend Sandmücken

Eine Messprobe Sandmücken (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr / Morwinsky)Größere Abbildung anzeigen

Ziel

Das übergreifende Ziel von MEDINT ist, die „Force Health Protection”, der Gesundheitsschutz der Streitkräfte. Gleichzeitig soll dieses Ziel mit den Bedürfnissen der Behörden im Einsatzland in Einklang gebracht werden.

Damit lässt sich die Akzeptanz der Bundeswehr in der lokalen Bevölkerung wesentlich erhöhen. Ein Beispiel hierfür ist die aktive Bekämpfung von Mückenlarven im Kabul-River im August 2004 mit dem natürlichen Insektengift BTI. Diese Bekämpfung senkte auch die Zahl der Krankheitsfälle in den angrenzenden Dörfern spürbar.

Ein weiteres Beispiel ist die erfolgreiche Bekämpfung der Leishmaniose in Mazar e Sharif. Ein solches Vorgehen schützt die Soldaten direkt durch die Verhinderung von – möglicherweise infizierten – Mückenstichen sowie indirekt durch die positive Einstellung der lokalen Bevölkerung. Deren Motivation, sich an Anschlägen gegen die Bundeswehr zu beteiligen, sinkt: „Force Protection – winning hearts and minds“.

Zukunft

Um die Aufklärung und Verarbeitung der gewonnen Erkenntnisse nachhaltig zu verbessern, arbeitet MEDINT an verschiedenen IT- und technologiegestützten Lösungen, so zum Beispiel an einem satellitengestützten „Global Information / Intelligence System - GIS“ oder einer IT-gestützten „Knowledge Management Base – KMB“.

Ein weiteres inzwischen sehr weit fortgeschrittenes Projekt ist die Bereitstellung einer „Near-Realtime Disease Surveillance“ im Einsatz für die gesamte NATO. Dabei werden Informationen zur besseren Erkennung von Ausbruchsgeschehen bei Soldaten im Einsatz anhand der Symptome analysiert. Unbeschadet aller technischen Weiterentwicklungen werden aber die eigenen Soldaten und die der Partnerstaaten die wichtigsten Informationsquellen für die Arbeit von MEDINT bleiben.

Arbeitsbereich

Die Verfügbarkeit von MEDINT ist eine Grundvoraussetzung für die Minimierung von Gesundheitsrisiken deutscher Soldaten im Einsatz und trägt zu deren Durchhaltefähigkeit bei. Sie stellt eine wesentliche Fähigkeit für die militärische Auftragserfüllung im Einsatz und im Grundbetrieb dar.

Als streitkräftegemeinsame Fähigkeit wird MEDINT federführend im Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr wahrgenommen und im Sanitätsamt der Bundeswehr als Arbeitsbereich abgebildet. MEDINT ist auf ein fähigkeitsorientiertes Zusammenwirken im Sanitätsdienst der Bundeswehr und im Informationsverbund des Militärischen Nachrichtenwesens angewiesen.

MEDINT Hotline

MEDINT stellt eine uneingeschränkte Ansprechbarkeit sicher, 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Diese Hotline wird in Kooperation mit dem Dezernat Tropenmedizin und dem Fachbereich Tropenmedizin des Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, betrieben.

Tel.: 089 1249-7575

Hier steht rund um die Uhr ein Experte für Fragen zur Prävention von einsatzspezifischen Erkrankungen zur Verfügung. Ergänzend steht das Dezernat Medical Intelligence bei Bedarf für unmittelbare, einsatzbezogene Briefings zur Verfügung.

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Stand vom: 25.04.16 | Autor: 


http://www.sanitaetsdienst-bundeswehr.de/portal/poc/sanitaetsdienst?uri=ci%3Abw.zsan.medizin.medint