Erdbebenhilfe Agadir – der erste Schritt
München / Freiburg, 02.03.2010.
Am Anfang stand das Chaos. Der erste Auslandseinsatz deutscher Soldaten nach dem Ende des 2. Weltkriegs beginnt ausgerechnet auf dem Höhepunkt von Karneval und Fasching im März 1960. Am Montag, 29. Februar, bebt in Agadir/Marokko kurz vor Mitternacht die Erde. Viele der etwa 50.000 Einwohner verlieren sofort ihr Leben.
Tausende sind verletzt und kommen um all ihre Habe. Schnell ist klar, dass die marokkanischen Behörden alleine mit der medizinischen Hilfeleistung im großen Maßstab restlos überfordert sind. Die Hilferufe aus Rabat werden auf der Bonner Hardthöhe sofort gehört. Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß zögert nicht und veranlasst den Führungsstab zu erhöhter Aktivität. Sein Auftrag an den Inspekteur Sanitätsdienst lautet, schnellstmöglich im Katastrophengebiet einen Hauptverbandsplatz (HVP) einzurichten und zu betreiben.

Bereits am Abend des 1. März, dem Veilchendienstag im Rheinland oder Faschingsdienstag im restlichen Bundesgebiet, erhält Oberfeldarzt Dr. Carl Merkle, Divisionsarzt der 5. Panzerdivision und Kommandeur des Sanitätsbataillons 5 in der Koblenzer Westfalenkaserne einen Anruf seines Inspekteurs, Generalstabsarzt Dr. Theodor Joedicke.
Der Oberfeldarzt habe sich am nächsten Morgen bis 10.00 Uhr mit Personal und Material, rund 50 Mann, am Flughafen Köln-Wahn für den Lufttransport über Madrid nach Agadir zu melden. Hektisches Treiben setzt ein, viele der Männer sind im Urlaub und werden erst am Aschermittwoch zurück erwartet. Merkle versetzt umgehend Teile der 3. Kompanie des Sanitätsbataillons 5 in Bewegung.
Personal und Material stehen schnell bereit
Ohne PC und Handy gelingt das schier Unmögliche. Ärzte und Sanitäter aus Bonn, Koblenz und München sind zu alarmieren. Geräte und Material werden in Windeseile aus den Depots in Bad Neuenahr, Giessen, Koblenz und Marburg beschafft. Und tatsächlich: am 2. März starten um 13.00 drei Noratlas des Lufttransportgeschwader (LTG) 62 von Köln-Wahn.
An Bord sind 48 Soldaten, darunter vier Ärzte und ein Apotheker. Dazu kommen ein Verwaltungsbeamter und zwei Dolmetscher, zwölf Zeitungsreporter und ein Kamerateam des SFB (Sender Freies Berlin) sowie medizinisches Material. Um 18.15 folgen vier weitere Maschinen mit dem restlichen Gerät und der Ausrüstung einer Sanitätskompanie. Am nächsten Tag starten weitere Transporter des LTG 61 mit Medikamenten und Ausrüstung. Insgesamt sind 15 Maschinen im Einsatz. Neben Zelten, Feldbetten und Wolldecken werden auch 2.000 Verpflegungsrationen transportiert.
Zwischenlandung Spanien
Noch am gleichen Tag, dem Aschermittwoch, trifft Oberfeldarzt Dr. Merkle am Abend in Madrid ein. Der deutsche Botschafter erwartet nur die Besatzungen der Noratlas-Maschinen. Mit den fast 70 Passagieren hat keiner gerechnet. Aber in weniger als drei Stunden gelingt es dem Militärattache Oberstleutnant Oster alle Männer zu verpflegen und in den Hotels der spanischen Hauptstadt unterzubringen.
Dank seiner guten Kontakte gelingt es Oster auch, alle Probleme mit nicht vorhandenen Reisepässen und der fehlenden Uniformtrageerlaubnis zu lösen und die Anwendung der spanischen Zollbestimmungen auszusetzen. Die Rechnungen in Hotels und Restaurants bezahlt die Botschaft, denn keiner der Sanitäter verfügt über spanische Peseten. Manche der Soldaten haben in der Eile gar kein Bargeld mehr besorgen können und sind praktisch mittellos auf dem Weg in den Einsatz.
Stützpunkt Deutschland
Währenddessen bildet sich im Bundesministerium der Verteidigung der Einsatzstab Hardthöhe. Unter dem Kommando von Oberst Fritz Hartmann werden die Anforderungen an Personal und Material zusammengetragen und die Arbeit der vielen beteiligten Abteilungen und Dienststellen koordiniert. Auf dem Flughafen Wahn bilden sich mit Kräften der Luftlande-Schule Schongau ein Verladestab Wahn und ein Verladekommando Wahn.
Am Nachmittag des 3. März trifft gegen 15.00 Uhr die Gruppe um Dr. Merkle auf dem Flugplatz Barajas in Agadir ein. Aber sie sind nicht die ersten deutschen Soldaten. Schon vier Stunden früher war die Noratlas GA-234 mit Kommandant Hauptmann Beuther gelandet. Der hatte eine kürzere Strecke als die drei zuvor gestarteten Maschinen gewählt und staunte nicht schlecht. Da er keine zuständige Stelle finden kann die seine Ladung übernehmen will, muss er auf das Eintreffen der anderen Maschinen warten. Die erste Ladung besteht aus OP-Material in Kisten, Feldküchen, einem Jeep und drei Dutzend Kanistern.

Erste Eindrücke
In der Stadt herrscht zu diesem Zeitpunkt das Chaos. Verwesungsgeruch liegt über der Stadt. In der Hitze Nordafrikas droht den Überlebenden und ihren Helfern schon bald der Ausbruch von Seuchen. Um sich zu orientieren, macht Dr. Merkle mit dem deutschen Konsul Franz Obermaier und dem marokkanischen Kronprinzen eine Stadtrundfahrt. Diese ist ebenso erschütternd wie eindrucksvoll. Dr. Merkle wird von einer großen Zahl Journalisten, vor allem aus Deutschland, ständig bestürmt, was von ihm als sehr störend empfunden wird.
Probleme bereitet, dass keine Ansprechpartner auf der Arbeitsebene mit der marokkanischen Seite existieren. Verlässliche Informationen über Details der benötigten Hilfsmaßnahmen fehlen, ständig kursieren Gerüchte. Einen ersten Auftrag, die Stadt Agadir „zu entseuchen und zu entwesen” lehnt Oberfeldarzt Dr. Merkle ab. Dafür fehlen das unabdingbare Material und die Spezialisten.
Die Marokkaner können sich nicht über Ort und Aufgabe des deutschen Kontingents einigen. Widersprüchliche Anordnungen, Wünsche und Befehle werden übermittelt. Konfusion macht sich breit. Rund acht Kilometer von der Stadt und fünf Kilometer vom Flugplatz entfernt, wird schließlich nach vielen Stunden des untätigen Wartens der HVP angelegt. Für das Gelände eines ehemaligen Campingplatzes am Ortsrand von Inezgane spricht vor allem das Vorhandensein von Latrinen. In kürzester Zeit sind die Zelte aufgestellt und das Material ausgepackt.
Hauch des Todes
Während Dr. Merkle den HVP am Mittag des 6. März einsatzbereit melden kann, brechen einige Sanitätssoldaten mit Sonnenbrand und totaler Erschöpfung zusammen. Der Gestank und Verwesungsgeruch sind bestialisch. „Einen riesigen Friedhof … mit dem Hauch des Todes” nennt Robert Jungk die Stadt, damals als Zeitungsjournalist in Agadir. Er schleicht sich durch die Straßensperren und beobachtet Hunderte resignierter Menschen, die apathisch am Straßenrand liegend ihr Schicksal erwarten.

DHJ 99 sendet
Tagsüber fehlt den Deutschen anfangs geeignete Tropenbekleidung, in den Nächten wird es noch bitter kalt. Eine Funkverbindung nach Bonn kann erst drei Tage nach dem Eintreffen, am 6. März, eingerichtet werden. 16 Mann der Marine und des Heeres sind eingesetzt, um die Bundeswehr Funkstelle Agadir in Betrieb zu nehmen. Unter dem Rufzeichen DHJ 99 ist sie bis Ende März rund um die Uhr erreichbar. Die tonnenschwere Funkstation muss mit einer US-amerikanischen Maschine vom Typ C-124 Globemaster von Ramstein nach Marokko geflogen werden, da sie für die Noratlas viel zu schwer ist.
Hygiene und Desinfektion
Am 7. März sind bereits 21 Noratlas-Transporter im Einsatz auf den Strecken von Agadir nach Casablanca und Madrid. Sie transportieren rund 70 Tonnen Material und mehr als 120 Soldaten und Journalisten ins Einsatzgebiet.
Sechs Ärzte und ein Apotheker betreiben mit einem Sanitätszug den Verbandplatz, ein kleines ABC-Kommando des Heeres und ein Hygieniker sorgen laufend für die dringend notwendige Desinfektion der Arbeits- und Unterkunftsbereiche. Später wird auch die Entseuchung eines Flüchtlingslagers und der Stadt in Angriff genommen.

Der Hauptverbandplatz der Bundeswehr wird zum Krankenhaus von Agadir. Neben der ambulanten und stationären Behandlung von Verletzten und Kranken werden auch 40.000 Marokkaner gegen Typhus und Cholera geimpft. Denn Flöhe und Ratten, aber auch die Übertragung der Keime durch die menschlichen Kadaver bedrohen die Überlebenden und die Helfer.
Die Hälfte der Toten liegt in Massengräbern, etwa 6.000 Leichen sind noch unter den Trümmern der eingestürzten Gebäude verschüttet. In einem Zeltlager hat man rund 4.000 Menschen, später 15.000, in Zelten untergebracht, 20.000 schlafen ohne ein Dach über dem Kopf im Freien.

Führungsverantwortung
Nachdem alle Probleme bezüglich Standort und Verwendungszweck des deutschen Kontingents mit den Marokkanern gelöst sind und der medizinische Betrieb auf Hochtouren läuft, sorgt das Bundesministerium der Verteidigung selbst für Kompentenzprobleme im Einsatzland. Bei der Verabschiedung auf dem Flughafen Köln-Wahn wurde Oberfeldarzt Dr. Merkle vom Vertreter des Führungsstabs Heer, Oberst i.G. Greiner noch einmal bestätigt, dass er alleine verantwortlicher Führer aller Soldaten des Kontingentes sei.
Am 5. März ist Oberst i.G. Gustav Klüter in Agadir eingetroffen. Und Klüter beansprucht für sich als dienstältester Offizier die Einsatzleitung des Luftstützpunktes und die Funktion des Standortältesten. Ein Fernschreiben an das Referat FüB V 1 im Ministerium mit der Bitte um Klärung der Zuständigkeiten bleibt unbeantwortet – bis zum Ende des Einsatzes. So unterzeichnen die beiden Offiziere Dr. Merkle und Klüter künftig alle Fernschreiben gemeinsam.

Oberst Klüter übernimmt die Zuständigkeit für das Ladekommando und die Besatzungen der Transportflieger sowie die Funkstelle, Dr. Merkle kommandiert das Lazarett. Und so habe die Luftwaffe, wie der leitende Arzt in seinem Abschlussbericht an das Ministerium süffisant erinnert, „mit einem Oberst i.G., einem Major i.G. und zwei Feldwebeln in mehr als 30 Tagen gerade mal 15 Maschinen abgefertigt”.
Luftbrücke
Mit der Inbetriebnahme der Funkstelle gelingt der reibungslose Betrieb der Luftbrücke. Während täglich Material, Ausrüstung und Verpflegung nachgeführt werden, fliegen die Transportmaschinen viele Verletzte nach Casablanca, Familienangehörige und Touristen nach Frankreich, Spanien und Deutschland aus.
Mit nunmehr geeigneter Bekleidung und dem Klima angepasster Verpflegung bewältigen die Soldaten den anstrengenden Dienst. Denn anfangs war in den deutschen Verpflegungsrationen stets Schweinefleisch enthalten. Für die moslemischen Marokkaner im unterstützenden Arbeitskommando eine Unmöglichkeit. Truppe und Verwaltung in Deutschland reagieren schnell und sorgen für Kalbfleisch- und Geflügelkonserven. Sogar der marokkanische König Mohammed V. besucht das deutsche Lager und äußert sich sehr lobend über die Arbeit und den Einsatz der Deutschen.

Auf dem Flugplatz treffen derweil zahlreiche Helfer und Transporte aus USA und Spanien, Frankreich und Norwegen ein. Die unausweichlichen Verzögerungen durch Sprachbarrieren, Kompetenzgerangel und Abstimmungsprobleme sind rasch überwunden.
Wiederholte Meldungen der Medien über erkrankte deutsche Soldaten und einen Seuchenausbruch erweisen sich als Gerüchte ohne Gehalt.
Diplomatenarbeit im zerbrechlichen Staat
Hinter den Kulissen beginnt die Arbeit der Diplomaten. Sie verweisen auf die Gefahr, dass die Sowjetunion durch großzügige Hilfslieferungen an Einfluss in diesem zerbrechlichen Staat gewinnen könnte. Einer Ausbreitung des Kommunismus will man in Bonn aber nicht tatenlos zusehen. Lange war Marokko geteilt und ein französisches Protektorat, erst seit wenigen Jahren ist es unabhängig.
Fachkompetente Unterstützung
Der Einsatz des Kommandos wird bis Mitte März verlängert und Überlegungen angestellt, wer das Lazarett nach dem Abzug der Deutschen übernehmen könnte. Derweilen bittet Kronprinz Moulay Hayssan die Bonner Regierung um Abstellung von technischem Hilfspersonal: Brunnenbauer und Geologen, Städteplaner und Finanzexperten, Hygieniker und Hafenbauer sind gefragt, um mit dem Wiederaufbau Agadirs beginnen zu können. Denn der Hafenstadt kommt eine große wirtschaftliche Bedeutung zu, bei der Sardinenfischerei wie auch dem Export von Erzen.
Das Sanitätsmaterial des Hauptverbandsplatzes wird am 21. März 1960 als Geschenk an die marokkanischen Behörden übergeben. Der Abbau des Lagers beginnt und die ersten Soldaten verlegen zurück nach Deutschland. Von Inezgane aus wird das Material mit fünf Lastwagen der marokkanischen Armee abtransportiert.

1.100 Patienten
Rund 100 Patienten wurden stationär betreut, 80 Operationen und mehr als 1.000 ambulante Behandlungen vorgenommen. Darunter auch Bewohner von drei zerstörten Dörfern im nahen Atlas-Gebirge. Besonders positiv für die Arbeit der deutschen Sanitätsoffiziere war, dass sie über das einzige Röntgengerät im weiten Umkreis verfügten.
In seinem Abschlussbericht stellt Dr. Merkle mit Stolz fest, dass im deutschen Lazarett kein einziger Todesfall zu beklagen gewesen sei. Entscheidend für den Erfolg der gesamten Aktion sei die Schnelligkeit der Hilfeleistung gewesen.
Einsatz beendet
Der Rücktransport für 60 Soldaten und das gesamte Material erfolgt über den Seeweg mit einem gecharterten Schiff der Reederei Argo, der SS Möwe. Aufgrund eines Maschinenschadens kann die ursprünglich für den 31. März geplante Abreise erst fünf Tage später beginnen. Die Verladung des Materials ist an einem Tag erledigt. Am 6. April beginnt der Rücktransport.
Anschließend verlassen Oberfeldarzt Dr. Merkle und Oberst Klüter als Letzte das Land mit dem Transportflugzeug der Luftwaffe, Kennung GB-103. Sie landen in Köln-Wahn am gleichen Tage. Die „Möwe“ erreicht nach einer ruhigen Seefahrt am 13. April 1960 abends den Bremer Hafen. Das letzte Fahrzeug wird am folgenden Tag gelöscht, der Hilfseinsatz ist beendet.
Schnelle Hilfe war besonders wertvoll
Der deutsche Konsul in Casablanca, Franz Obermaier, hat von Anfang an den Hilfseinsatz vor Ort persönlich begleitet. In einem Fernschreiben an das Auswärtige Amt zieht er Bilanz: Die letzten deutschen Sanitätstruppen, die am 3. März zur Soforthilfe nach Erdbeben Agadir eingeflogen wurden, verlassen Marokko am 6. April teils in einer Luftwaffenmaschine, teils mit Schiff Möwe. Zurück bleibt als Geschenk der Bundesregierung ein moderner, komplett ausgestatteter Hauptverbandsplatz.
Die aufopfernde Tätigkeit der deutschen Sanitätstruppe wie ihr Auftreten in der Öffentlichkeit haben in der Bevölkerung großen Anklang gefunden und besten Eindruck hinterlassen. Immer wieder wurde deutschen Feldärzten von Marokkanern gesagt: „Eure schnelle Hilfe in der Not ist für uns besonders wertvoll gewesen.”
Bilder
Aussichtspunkt (Quelle: Sanitätsdienst Bw / Wehrgeschichtliche Lehrsammlung)
Größere Abbildung anzeigenPersonalstand um etwa den 20.03.1960 (Quelle: Sanitätsdienst Bw / Wehrgeschichtliche Lehrsammlung)
Größere Abbildung anzeigenMarktplatz (Quelle: Sanitätsdienst Bw / Wehrgeschichtliche Lehrsammlung)
Größere Abbildung anzeigenLuftbildaufnahme Einsatzort (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr/ Wehrgeschichtliche Lehrsammlung)
Größere Abbildung anzeigenLagerplan (Quelle: Sanitätsdienst Bw / Wehrgeschichtliche Lehrsammlung)
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