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Mehr als eine reisemedizinische Datenbank

München, 29.04.2009.

Ein Interview mit Oberstabsarzt Dr. Til Berger. Er ist Fliegerarzt, Dezernent in der Abteilung V des Sanitätsamtes der Bundeswehr und verantwortlich für Medical Intelligence in der Bundeswehr.

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Warum wurde MEDINT gegründet?

Wegen des zunehmenden Engagements der Bundeswehr im Ausland war eine strukturierte Identifizierung und Bewertung von Gesundheitsrisiken, die Überwachung der einsatzrelevanten Seuchenlage, die Bewertung von Behandlungsmöglichkeiten in Einsatzgebieten und die standardisierte einsatzbezogene Beratung der Kommandeure zu diesen Themen erforderlich. Hier bestand eine Fähigkeitslücke.

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Mit wem arbeiten Sie national zusammen? Wie ist die Aufgabenverteilung geregelt?

Wir arbeiten auf verschiedenen Ebenen mit fachlichen und nachrichtendienstlichen Institutionen zusammen. Als wichtigste Beispiele seien hier der BND und der Fachbereich Tropenmedizin am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg genannt. Dabei obliegt dem BND die Bereitstellung von nachrichtendienstlichen Informationen, die den Bereich MEDINT in den Einsatzgebieten betreffen. Bei spezifischen Tropenmedizinischen Fragestellungen greifen wir auf Experten aus dem Tropeninstitut zurück. Informationen über die Gesundheitsversorgung im Zielgebiet werden aber auch von den Militärattachés geliefert.

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Oberstabsarzt Dr. Berger an seinem Arbeitsplatz, rechts der Schweizer Verbindungsoffizier Oberleutnant Daniela Habegger
Oberstabsarzt Dr. Berger (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr / Schandert)Größere Abbildung anzeigen

Wer sind Ihre Partner in der NATO und international?

Die NATO verfügt über eine eigene MEDINT-Komponente. Außerdem arbeiten wir im Rahmen des „MEDINT Expert Panel“ mit Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen, Schweden, USA und Holland zusammen. Und wir pflegen eine vitale Partnerschaft mit den beiden PfP-Nationen Österreich und Schweiz.

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Wie und mit welchen Schritten läuft Ihre Tätigkeit ab, wenn die Truppe den Befehl zu einem neuen Auslandseinsatz erhält?

Sollten wir feststellen, dass die vorliegenden Erkenntnisse und gesammelten Daten für eine belastbare Bewertung nicht ausreichen, wird ein „Site Survey“ durchgeführt. Dabei schicken wir eine kleine Gruppe von Spezialisten in das entsprechende Einsatzgebiet, die sich vor Ort ein Bild von der Situation machen. Meist sind dies ein Tropenmediziner und ein Biologe. Deren Beurteilung führt dann zur Empfehlung entsprechender Prophylaxe-Maßnahmen. Die Zusammenfassung dieses Prozesses hält der verantwortliche Truppenführer am Ende als „MEDINT Akut“ in der Hand.

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Mit welchen Problemen in der Realität des Alltags müssen Sie fertig werden?

Probleme bereiten uns oft Missverständnisse die unsere Arbeit betreffen. So wird MEDINT oft wie eine „Reisemedizinische Datenbank“ verstanden. Was wir tun, ist aber etwas völlig anderes. Unsere Produkte sind konkret auf einen Einsatz zugeschnitten und beinhalten operativ relevante Empfehlungen. Wir werden oft angefragt, ob wir „mal DAS MEDINT zum Land XY zusenden könnten“. Auf diese Frage müssen wir regelmäßig antworten: „DAS MEDINT zum Land XY gibt es nicht“. Denn einsatzabhängig kann es sein, dass wir den zehn Fallschirmjägern, die im Sommer zum Dschungelkampftraining in das Land XY gehen, ein extrem hohes Malariarisiko bescheinigen. Für die fünf IT-Spezialisten, die in der Hauptstadt desselben Landes gleichzeitig das Hauptquartier der Streitkräfte beraten, stellen wir aber nur ein geringes bis gar kein Malariarisiko fest. Das ist unter Umständen ein tödlicher Unterschied!

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Was kann MEDINT nicht leisten?

MEDINT sammelt, bewertet und verbreitet Informationen über einsatzrelevante Gesundheitsaspekte. Was nicht unser Auftrag ist und unsere Möglichkeiten übersteigt, trotzdem aber immer wieder angefragt wird, sind zum Beispiel Aussagen zur Gesundheitspolitik einer anderen Nation oder Prognosen über die Entwicklung des Gesundheitssystems einer anderen Nation. Grundsätzlich erstellen wir auch keine MEDINT-Produkte über NATO-Nationen, dies ist in den meisten Fällen ja auch nicht erforderlich.

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Wo sehen Sie Potential für Verbesserungen bei Ihrer Arbeit?

Auch wir leiden sehr unter dem Ärztemangel in der Bundeswehr und unter der hohen Einsatzbelastung. Konzeptionell sind noch keine „MEDINT-Aufklärer“ vorgesehen. Medizinische Informationsgewinnung sollte aber eine Standardrolle der Sanitätskräfte sein. Eine unserer wichtigsten Informationsquellen ist die Sanitätstruppe. Leider sind immer weniger Spezialisten verfügbar, die uns belastbare Informationen aus den Einsatzgebieten liefern können. Oft erreichen uns die im Einsatz gesammelten Informationen auch gar nicht. Vielleicht, weil mancher denkt, seine Erkenntnisse seien nicht so wesentlich oder wir hätten sie ohnehin schon.

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Können Sie uns noch ein paar Ausblicke für die Zukunft von MEDINT geben?

MEDINT wird weiter eine wichtige Leistung des Zentralen Sanitätsdienst für die Truppe bleiben. Gerade im Rahmen der zunehmenden Einsatzanforderungen. Um unsere Aufklärung und die Verarbeitung der gewonnen Erkenntnisse zu verbessern, arbeiten wir an verschiedenen IT- und technologiegestützten Lösungen. Die ganze Technik kann aber niemals die menschlichen Sinne ersetzen! Unsere wichtigsten Informationsquellen bleiben unsere Soldaten und unsere Partner!

Das Interview führte Herbert Singer.

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Stand vom: 30.04.2009 | Autor: Herbert Singer

http://www.sanitaetsdienst-bundeswehr.de/portal/a/sanitaetsdienst/medizin/medint