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„Ich habe begriffen wieviel das Leben wert ist”

Hamburg, 01.03.2013.
Stabsgefreiter Dennis G. möchte nach dem Abitur etwas Körperliches machen. Er wird Freiwillig Wehrdienstleistender und später Soldat auf Zeit bei den Fallschirmjägern. Auf den Einsatz in Afghanistan bereitet sich seine Einheit intensiv vor. Harte Ausbildung inklusive vieler Truppenübungsplatzaufenthalte schweißen die Männer zusammen. „Ich hatte ein gutes Gefühl und wusste, dass ich mich auf die anderen verlassen kann.“ Er wird im Jahr 2010 in Afghanistan verwundet, leidet in der Folge unter extremen Angstzuständen und wird im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg behandelt.

Im Einsatz erfährt Dennis G. eine für ihn fremde Welt. Er findet sich in dieser Welt jedoch schnell zurecht. Der erste Kontakt zu den Einheimischen stimmt ihn positiv. Während einer Patrouille erlebt er dann sein erstes Feuergefecht. Er und seine Kameraden bewältigen die Situation, so wie sie es in der Heimat geübt hatten. Ein zuversichtliches Gefühl stellt sich bei ihm ein.

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ein nachdenklicher Dennis G.

Dennis G. (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Karfreitag 2010

Am Karfreitag des Jahres 2010, Dennis G. ist jetzt seit sechs Wochen in Afghanistan, wird seine Patrouille in ein stundenlanges Feuergefecht verwickelt. „Während des Gefechtes funktioniert man einfach. Da ist kein Raum für tiefgreifende Gedanken. Ich habe erst sehr viel später richtig realisiert, was da passiert ist.“ Beim Ausweichen explodiert schließlich eine Sprengladung. Drei Tote und acht verwundete Soldaten, darunter vier Schwerverwundete ist die nüchterne Bilanz der Gefechte. Dennis G. ist unter den Verwundeten. „Nichts lebensbedrohliches“, sagt er heute rund drei Jahre danach. Schrapnell-Verletzungen in den oberen Extremitäten. Er wird nach Deutschland ausgeflogen. Im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz erfährt er, dass drei seiner Kameraden gefallen sind. Er erinnert sich immer wieder an die Gefechtssituation: Es ist wie ein Film, ein Handlungsstrang, der morgens beginnt und mit schrecklichen Bildern und seiner Verwundung endet.

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Körperliche Beschwerden treten erst später auf

Seine Wunden heilen schnell. Doch nach etlichen Monaten stellen sich körperliche Beschwerden ein, für die keine Ursache gefunden wird. Angstzustände und Herzprobleme werden so schlimm, dass Dennis G. glaubt, sterben zu müssen. Er führt erste Gespräche mit Psychologen, doch eine Besserung tritt nicht wirklich ein. Seine Freundin sieht ihn leiden und kann nicht helfen. Das nagt an ihr. Sie drängt ihn, sich im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg stationär behandeln zu lassen, um endgültig abzuklären, was mit ihm los ist. Zu Beginn des Jahres 2012 beginnt der Mannschaftssoldat seine stationäre Behandlung.

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Oberstarzt Dr. Helge Höllmer

Oberstarzt Dr. Helge Höllmer (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr/ Letzin)Größere Abbildung anzeigen

Professionelle Hilfe erforderlich

Oberstarzt Dr. Helge Höllmer leitet die Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. Von seinen 30 Betten sind über die Hälfte von Patienten, die unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung oder einer anderen Traumafolgestörung leiden, belegt. Die Beschwerden der Traumatisierten können nach Monaten oder sogar Jahren so stark werden, dass die Soldaten oder ihr Umfeld professionelle Hilfe suchen. Der Psychiater berichtet, dass sich in den vergangenen Jahren einiges verändert hat. „Die Hemmschwelle, sich einem Psychiater oder Psychologen anzuvertrauen ist gesunken.“ Dazu hat die öffentliche Diskussion des Themas beigetragen. Auch die Erfahrungen von Soldaten, die sich einer Therapie gestellt haben, tragen zu einem positiveren Bild eines Klinikaufenthaltes bei. Über die Dauer einer Therapie lässt sich keine allgemeingültige Aussage machen. „Jeder Mensch ist verschieden. Unsere Patienten haben unterschiedliche Situationen in unterschiedlicher Häufigkeit und Intensität erlebt. Daher ist der Behandlungszeitraum auch individuell unterschiedlich.“ Er kann von wenigen Sitzungen bis zur Jahre dauernden Therapie variieren. Die Fachleute gehen davon aus, dass 80 Prozent der traumatisierten Patienten wieder gesund werden. Das heißt, sie können das Erlebte verarbeiten und ihren Alltag wieder bewältigen.

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Erste Erfolge auf einem langen Weg

„Es hat mir am Anfang sehr geholfen zu sehen, dass andere ähnliche Probleme haben“, sagte Dennis G. Der junge Mann erfährt, dass die Beklemmungen, Angstzustände und körperlichen Symptome Reaktionen seines Kopfes auf das Erlebte sind. Er ist erleichtert zu erfahren, dass das alles medizinisch erklärbar ist. Der 25-jährige nimmt die Therapie sehr ernst. „Ich wollte meine Probleme verstehen und am besten sofort loswerden.“ Die Therapiesitzungen helfen ihm Stück für Stück weiter. Er setzt sich mit seinem Körper und seinem Geist auseinander und erkennt „dass der Kopf verdammt viel Macht auch über den Körper“ hat. Das hilft ihm zu verstehen, was in ihm vorgeht. „Man wird durch die Therapie nicht dümmer. Es gibt keinen Menschen, mit dem man so viel zusammen ist, wie mit sich selbst. Deshalb lohnt es, sich mit sich selbst auseinander zu setzen.“

Dennis G. geht es jetzt wieder gut. Er muss zu keinen weiteren Therapiesitzungen. Sich im Bundeswehrkrankenhaus behandeln zu lassen war für ihn ein ganz entscheidender Schritt. Der 25-jährige hofft, dass er mit seiner Geschichte anderen Kameraden und deren Familien ein bisschen Angst vor „professioneller Hilfe“ nehmen kann.

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Dennis G.

Dennis G. (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Neuen Weg weitergehen

„Ich habe mich im Einsatz verändert“, sagt der Soldat rückblickend. Bei ihm ging es um Millimeter, die ihn überleben ließen. „Das regt natürlich zum Nachdenken an. Ich habe begriffen, wie viel das Leben wert ist. Ich bin erwachsen geworden und kann sagen, ich habe mich neu erfunden, ich bin ein neuer Mensch.“ Auf seinem neuen Weg will er weiter gehen: Studieren und etwas Nachhaltiges schaffen. „Ich will meinem Leben einen Sinn geben.“

Und doch sieht er seine Zeit als Soldat und seine schrecklichen Erlebnisse als eine Entwicklung, die er durchmachen musste um zu werden, wer er heute ist: „Ich bereue nichts. Rückblickend würde ich alles wieder so machen.“

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Stand vom: 02.12.13 | Autor: Matthias Frank


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