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Erzähl' mir Deine Geschichte... Hauptfeldwebel Christin Förster

Rennerod, 01.01.2016.
Hauptfeldwebel Christin Förster (30) kam 2006 als ausgebildete Rettungsassistentin zur Bundeswehr. Trotz geringer militärischer Erfahrung musste sie früh Verantwortung übernehmen. Die an sie herangetragene Erwartungshaltung war eine Belastung, der sie sich stellte, an der sie wuchs und die sie schnell erwachsen werden ließ.

Heute Berufssoldatin und Hauptfeldwebel in Rennerod

Heute Berufssoldatin und Hauptfeldwebel in Rennerod (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr)

Bereits im Dienstgrad Unteroffizier (U FA) sollte ich, für mich völlig unerwartet, als Kommandantin eines Panzers (TPz Fuchs) in meinen ersten Auslandseinsatz gehen. Ich selbst musste mich dieser riesigen Herausforderung stellen, denn ich bekam oftmals zu hören, ich wolle doch Feldwebel werden, da müsse man schon mal Leistung bringen.

20. Kontingent ISAF in Kunduz

Der Einsatz führte mich 2009 in das 20. Kontingent ISAF nach Kunduz. Es war die Zeit der ersten unabhängigen Wahlen in Afghanistan. Ja, es war genau das Kontingent, in dem die afghanischen Tanklaster bombardiert werden sollten, das Kontingent, in dem ich Oberst Georg Klein kennenlernen durfte und das Kontingent, in dem ich erwachsen werden musste. Das Leben anderer wurde einfach in meine Hände gelegt, und es prägte sich damals in mir der feste Entschluss: Die Kameraden können sicher sein, dass sie sich auf mich verlassen können. Und dafür habe ich mit meinem Team alles getan!

Mitten im Feuergefecht

Und dann trat eine Situation ein, auf die ich mich die ganze Zeit sorgfältig vorbereitet hatte: Der BAT wurde gerufen, und ich brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass es jetzt ernst für mich wird. Der Spagat zwischen den medizinischen und soldatischen Gedankengängen ist in solchen Situationen nur schwer greifbar. Kurz darauf war ich mitten in einem Feuergefecht. Ich zitterte und fragte mich, ob ich es überhaupt hinbekomme, auch nur ein Pflaster abzureißen. Es ist kaum in Worte zu fassen, wenn man funktionieren muss, während die Raketen über einen drüber fliegen. Ich handelte wie in Trance und versorgte unseren Patienten auf dem Gefechtsfeld. Später wurde mir bewusst, dass ich das erste Mal wirklich Angst um mein eigenes Leben und das der Kameraden hatte. Doch dann sagte mir mein Oberfeldarzt damals diese Worte: „Wir tun hier das Menschenmögliche, der Rest ist Schicksal.“ Das vergesse ich niemals, denn diese Worte haben mir ungemein geholfen. Ich konnte nun die Verantwortung, die ich trug, differenzierter betrachten.

Unvergesslicher Moment

Christin Förster 2009 als Unteroffizier und Kommandantin eines Panzers in Kunduz

Christin Förster 2009 als Unteroffizier und Kommandantin eines Panzers in Kunduz (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Als die Tanklaster bombardiert wurden, hat zunächst keiner über die Tragweite des Ereignisses nachgedacht. Wir waren gerade auf Patrouille, als uns der Befehl erreichte, zu besagtem Ort zu kommen. Das war vier oder fünf Stunden nach dem Bombardement. Verbrannte Erde und die ausgebrannten Tanklaster waren zu sehen. Und ich werde diesen Moment nie vergessen, als wir an den Tanklastern standen und Oberst Georg Klein mit einer Menschenmasse aus Presse und hohen Militärs im Schlepptau diesen Ort in Augenschein nehmen wollte. Er blieb auf meiner Höhe stehen, grüßte mich und ging weiter. Ich drehte mich dann um und dachte: „Da ist doch keiner!“ Das hat mich total bewegt, weil ich ja eigentlich „nur ich, die unscheinbare Soldatin“ war und mir in diesem Moment bewusst wurde, dass ich Teil dieses Einsatzes war, dass meine Fähigkeiten gebraucht wurden, und ich die Wertschätzung von ziemlich weit oben erfahren habe. Ich bin in dieser Zeit gereift, vielleicht sogar erwachsen geworden.

Zweiter ISAF-Einsatz in Mazar-e Sharif

2012 bin ich dann abermals in den Einsatz nach Afghanistan gegangen, nach Mazar-e Sharif. Ich war dort als Oberfeldwebel in der Notfallaufnahme eingesetzt. Hier sah ich weit mehr Verletzungen als damals. Doch hier lebte ich nicht in dieser Angst, die mich in Kunduz Tag und Nacht verfolgte. Es war nicht einmal die Angst davor, selbst zu sterben, sondern die, meinen Eltern zuzumuten, in einem Zinksarg nach Hause zu kommen und die Angst, dass durch mein Versagen Menschen zu Schaden kommen oder gar sterben könnten. Ich brauchte diesen zweiten Einsatz, um für mich herauszufinden, dass diese Angst damals viel mit den Gegebenheiten vor Ort zu tun hatte.


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Stand vom: 05.01.16 | Autor: Jasmin Zenger


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