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Im Gespräch mit Oberstarzt Dr. Nicole Schilling

Westerstede, 07.04.2015.
Oberstarzt Dr. Nicole Schilling ist seit Januar 2015 Chefärztin am Bundeswehrkrankenhaus Westerstede. Damit ist sie die einzige Frau, die momentan in den Krankenhäusern der Bundeswehr eine solche Position bekleidet. Dies stellt sie ganz besonders aufgrund der aktuellen Diskussionen zur Besetzung von Führungspositionen mit Frauen ins Rampenlicht. Ein weiterer ganz besonderer Umstand ist der, dass Schilling im Mai ihr zweites Kind auf die Welt bringen wird und ihren Dienst in Westerstede hochschwanger angetreten hat. Es ist ein noch ungewohntes Bild innerhalb der Bundeswehr: eine zivil gekleidete Frau im Dienstgrad Oberstarzt. Die freundliche 40-Jährige strahlt deshalb aber nicht weniger Autorität aus.

Oberstarzt Dr. Nicole Schilling

Frauenquote in Führungspositionen: Oberstarzt Dr. Nicole Schilling spricht offen über dieses Thema (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr/Skopnick)Größere Abbildung anzeigen

Frau Oberstarzt, wie sind Sie zur Bundeswehr gekommen?

Ich bin ein klassisches Soldatenkind. Mein Vater war bereits bei der Bundeswehr und ich konnte deshalb schon im Kindesalter meine Erfahrungen mit diesem Arbeitgeber sammeln. Die positiven überwogen eigentlich immer. Nicht einmal der Umstand, dass wir eigentlich ständig umziehen mussten, hat diese Eindrücke getrübt. Mein Vater war mein großes Vorbild. Allerdings muss ich zugeben, dass ich anfangs überhaupt keine klare Idee hatte, was ich einmal machen möchte. Der Berufswunsch variierte ständig. Da war das Medizinstudium nur eine der möglichen Alternativen. Letztendlich blieb es aber dabei. Und zwar ein Medizinstudium bei der Bundeswehr. Bei meinem Einstellungstest hat der Psychologe mir verraten, dass der Beruf des Soldaten mit einigen Versetzungen verbunden sein würde. Darauf habe ich gefragt: „18 Jahre lang hat die Bundeswehr mein Leben bestimmt, warum sollte dies jetzt anders werden?“ Es war genau das, was ich wollte: Die Welt sehen, verschiedene Standorte und neue Menschen kennenlernen, Kameradschaft erleben.

Haben Sie bereits Verbindungen zu Westerstede und damit dem Ammerland? Sie kommen gerade aus Berlin, das ist ja überhaupt nicht vergleichbar.

Tatsächlich ist mein Ehemann hier sogar geboren. In der Ammerland-Klinik, unserem Kooperationspartner. Wir werden demnächst nach Ostfriesland ziehen. Die Familie meines Mannes lebt auch hier in der Gegend, sodass unsere Kinder auch Kontakt zu ihren Großeltern haben können. Natürlich ist hier alles ländlich unschuldig im Gegensatz zu Berlin. Dort wohnten wir mitten in einem sehr belebten Viertel. Es ist aber so, dass wir nicht gerne pendeln. Wo immer möglich haben wir versucht, als Familie zusammen zu sein. Und bisher hat es auch immer gut funktioniert. Wir erleben gerne andere Orte; genau das finden wir interessant. Da bin ich froh, dass mein Mann dies genauso sieht und wir immer als Familie entscheiden, wie wir die neuen Herausforderungen angehen möchten.

Haben Sie als bald zweifache Mama keine Sorge, dass Ihre Kinder einmal keine Heimat benennen könnten?

Eigentlich nicht wirklich. Ich kenne es ja selbst gar nicht anders. Wenn Sie mich fragen, wo meine Heimat ist, kann ich Ihnen nur sagen: Ich bin Deutsche! (Lacht.) Bisher habe ich mich überall wohl gefühlt. Geboren bin ich in Rothenburg ob der Tauber. Aber gelebt habe ich dort nie. Einzig sämtliche Schulferien habe ich dort verbracht. Die längste Zeit habe ich im Rheinland gewohnt. Allerdings kann ich auch nicht mit Überzeugung sagen, dass das Rheinland meine Heimat wäre. Nein. Ich muss wirklich sagen, ich habe keine Heimat, mit der ich fest verwurzelt wäre. Ich glaube aber auch nicht, dass dies wirklich wichtig ist in meinem Leben. Wichtig im Leben ist mir zu allererst meine Familie.

Wie schaffen Sie es, Familie und Dienst miteinander zu vereinbaren?

Während längerer Phasen, in denen wir uns nur am Wochenende sehen können, skype ich jeden Morgen mit meiner vierjährigen Tochter. Wenn mein Mann und meine Tochter mal übers Wochenende bei mir sind, ist es für die Kleine schon sehr wichtig, auch einmal zu sehen, wo Mama arbeitet und was sie so macht. Dennoch ist es bisher nie problematisch gewesen, Mama mal ein paar Tage nicht zu sehen. Wir haben auch schon sehr früh damit begonnen, sie beispielsweise für die Zeit der Ferien bei den Großeltern unterzubringen, damit sie es einfach gewöhnt ist. Dort findet sie es ganz prima, was uns natürlich sehr beruhigt arbeiten lässt. Wie schon bei unserer Tochter, wird mein Mann auch für unseren Sohn, der im Mai zur Welt kommen wird, die Elternzeit übernehmen. So kann ich bereits nach meinem Mutterschutz wieder konzentriert in die Dienstgeschäfte einsteigen. Es hat vor vier Jahren prima geklappt und ich weiß, dass mein Mann das auch dieses Mal ganz souverän meistern wird. Wir bedienen ausnahmsweise einmal nicht das klassische Rollenmodell. Aber wir kommen gut klar. Meine Tochter ist verständlicherweise etwas mehr auf ihren Vater fixiert und versucht dann bei mir schon manchmal etwas durchzusetzen, was bei Papa nicht läuft. Vielleicht glaubt sie, ich sei etwas nachgiebiger.

Für mich war es nicht selbstverständlich, dass die Tatsache, dass ich gerade Mutter geworden bin, den Dienstherrn nicht daran gehindert hat, mich auf einen Dienstposten beim Staatssekretär zu setzen. Der Staatssekretär persönlich hat sich Gedanken gemacht, wie hier Familie mit dem doch sehr anspruchsvollen Arbeits- und Zeitpensum zu vereinbaren sein könnte. Und er fand Wege. Morgens war es mir möglich, meine Kleine zum Kindergarten zu bringen oder sie einfach einmal mit zum Dienst zu nehmen, wenn sie kränklich war. Dafür wurde es dann auch abends schon einmal später. Nichtsdestotrotz war dies nicht einfach. Aber ein hoher persönlicher Einsatz war für mich selbstverständlich, hat funktioniert und ich denke und hoffe, dass ich meiner Arbeit gerecht werden konnte.

Haben Sie Ihre Karriere geplant?

Einen konkreten Plan, den ich verfolgen könnte, hatte ich nie. Natürlich habe ich zunächst geplant, Ärztin bei der Bundeswehr zu werden. Weiter eigentlich nicht. Der erste richtige Planungsschritt war vermutlich meine Entscheidung, Fachärztin für Allgemeinmedizin zu werden. Dies tat ich allerdings mit der Absicht, immer noch ein anderes Standbein zu haben, falls ich die Bundeswehr wieder verlassen würde. 2005 musste ich mich dann entscheiden, die kurative Arbeit weiterzuführen oder aber den Weg in die Führung und Organisation zu gehen. Da ich schon immer gerne so eine Art „Mittlerin zwischen den Welten“ sein wollte und administrativer Arbeit gegenüber nicht abgeneigt bin und war, entschloss ich mich, eine Stelle im Personalamt anzunehmen. Seitdem bin ich aus dem rein kurativen Geschäft raus.

Wie empfinden Sie persönlich das Wort „Quote“ und wie gehen Sie mit dem Thema um?

Tatsächlich ist dies für mich ein schwieriges Thema. Seit meinem Wechsel 2005 zum Personalamt verfolgt mich das Soldatengleichstellungsgesetz. Irgendwie bin ich immer wieder dienstlich zuständig. Eigentlich ist es aber ein Thema, mit dem ich mich vor allem früher eher schwer identifizieren konnte. Vielleicht, weil ich so vermessen bin, zu sagen: „Das Geschlecht spielt doch keine Rolle. Es geht doch um meine Person, um mich und um das, was ich kann. Und es geht nicht darum, ob ich ein Mann oder eine Frau bin.“ Fakt ist, dass ich bereits während meiner Zeit im Personalamt des Öfteren Vorträge zur Gleichstellung halten musste. Natürlich hauptsächlich vor Männern. „Warum haben wir nun ein Soldatinnen- und Soldatengleichstellungsgesetz (SGleiG)?“ Also musste ich mich damit genauer befassen, obwohl es mir nicht immer leicht gefallen ist. Ich habe dann auch immer offen gesagt, dass oft folgendes dabei herauskommt: Entweder wird über die Frau gesagt, sie hat den Job, weil es eine Quote gibt. Oder es wird gesagt, naja, sie macht ihren Job ganz gut, obwohl sie eine Quotenfrau ist. Für das Ego einer Frau sind beide Varianten nicht besonders schmeichelhaft.

Oberstarzt Dr. Nicole Schilling im Interview

Oberstarzt Dr. Nicole Schilling im Interview (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr/Skopnick)Größere Abbildung anzeigen

Aus Sicht der Frau, glauben Sie, es wird einfach sein, die Quote von 30 Prozent Frauen in Führungspositionen zu erreichen?

Ja, das ist die Frage. Woran liegt es beispielsweise, dass Frauen sich vermeintlich im Allgemeinen lieber in die zweite Reihe stellen. Auf der einen Seite: liegt es am System oder auf der anderen: liegt es an den Frauen, die möglicherweise sagen, ich weiß gar nicht, warum ich mir diesen Stress machen soll? Hier kommt vielleicht auch wieder das klassische Familienmodell zum Tragen. Also ich kenne schon einige Kameradinnen aus meiner Generation, die sich ganz bewusst dazu entschieden haben, nicht Berufssoldatin zu werden oder wenn sie Berufssoldatin geworden sind, einen Zweig zu wählen, der die Vereinbarkeit von Familie und Dienst einfacher gewährleistet. Ich kann das auch gut verstehen. Wenn das Familienmodell zeigt, dass der Ehemann vielleicht beruflich sehr erfolgreich ist und die Frau sich damit identifiziert und die Familienarbeit übernimmt, kann sie bestimmte Dinge eben auch nicht machen. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die sagen: Wenn das System es zulassen würde, dann könnte auch hierfür ein Weg gefunden werden. Dann gäbe es auch das Problem nicht, dass Frauen, die eine längere Familienauszeit genommen haben, dann plötzlich feststellen müssen, dass sie sich mit Wiedereinstieg nicht so beruflich weiterentwickeln können, wie sie das eventuell wollten. Unsere Ministerin ist eine starke Verfechterin für die Idee, dass Institutionen Angebote machen müssen, die Familie und Beruf mit allen Möglichkeiten miteinander vereinbaren können.

Frau Oberstarzt, was empfinden Sie bei der Bundeswehr als besonders und würden Sie Ihren Weg noch einmal so gehen?

Besonders hervor sticht für mich die Kameradschaft. Die schätze ich auch am meisten. Ich konnte diese Kameradschaft schon als Kind am eigenen Leib erfahren. Ich erwähnte ja bereits, dass mein Vater auch Soldat war und ich kann mich ganz speziell an eine Situation erinnern. Wir hatten während einer Reise auf der Autobahn eine Panne. Mein Vater erinnerte sich, dass nicht weit entfernt ein Kamerad lebte, mit dem er zwei Jahre zuvor zusammen an einem Standort diente und sich damals gut mit ihm verstand. Er rief ihn an und dieser Mann hat uns ohne zu Zögern eingesammelt. Die ganze Familie! Hat uns zu sich nach Hause gebracht und mit Kuchen verpflegt. Wir konnten unser Auto dort in die Werkstatt bringen und er lieh uns sein (damals natürlich einziges) Auto, damit wir nach Hause fahren konnten. Am nächsten Tag fuhr mein Vater wieder los und tauschte die Autos gemeinsam mit seinem Kameraden wieder aus. Diese Situation beeindruckte mich zutiefst und sie ist mir bis heute ins Gedächtnis gebrannt. Inzwischen habe ich auch einige ähnliche Situationen persönlich erlebt und bin zutiefst dankbar für diesen Wesenszug des soldatischen Dienstes. Die Kameradschaft bei der Bundeswehr ist etwas ganz Besonderes und macht es unter anderem zu einem Punkt, der mich meinen Schritt zur Bundeswehr niemals bereuen lässt. Ja, ich würde diesen Weg jederzeit wieder gehen!

Das Gespräch führte Claudia Skopnick

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Stand vom: 01.07.16 | Autor: Claudia Skopnick


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