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„Eine Frage der Ehre“
Im Gespräch mit dem Kommandeur des deutschen Sanitätseinsatzverbands ISAF

Mazar-e Sharif, 17.04.2009.
Oberstarzt Dr. Stephan Schoeps ist der derzeitige Kommandeur des deutschen Sanitätseinsatzverbands in Afghanistan. Zusammen mit seinen Frauen und Männern ist er verantwortlich für die sanitätsdienstliche Versorgung der Soldaten im Einsatz. Oberstarzt Dr. Schoeps leistet bereits seinen zweiten Einsatz in Afghanistan. Erstmals im Jahre 2003 in Kabul stationiert, ist es ihm heute möglich, aus eigenem Erleben heraus Entwicklungen für den Dienst bei der Sanitätstruppe im Afghanistan-Einsatz abzuleiten. Steffen Maluche traf ihn für die Redaktion Sanitätsdienst im deutschen Feldlager in Mazar-e Sharif in Nord-Afghanistan.

Oberstarzt Dr. Schoeps

Oberstarzt Dr. Schoeps (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Herr Oberstarzt, Sie stehen das zweite Mal im ISAF-Einsatz. 2003 waren Sie gleichfalls als Kommandeur des Sanitätseinsatzverbands in Kabul eingesetzt. Können Sie im Rückblick auf Ihren ersten Afghanistan-Aufenthalt und auf die heutige Sicherheitslage bezogen, Rückschlüsse auf eine Veränderung der Lage für den Sanitätseinsatzverband ziehen?

Nach den ersten Wochen und Monaten von damals ISAF I sah die Sicherheitslage zunächst noch sehr gut aus. Die Kinder standen am Wegesrand, mit dem Daumen nach oben. Wir haben gedacht, wir seien willkommen. Zu dieser Zeit und auch in den nachfolgenden Kontingenten war es noch möglich, sich auch mit ungepanzerten Fahrzeugen zu bewegen. Heute können wir nur noch mit schwer gepanzerten Fahrzeugen fahren; leider ohne den früheren Kontakt zur Außenwelt und zur Bevölkerung. Die verschlechterte Sicherheitslage hat meiner Einschätzung nach somit auch unmittelbare Auswirkungen auf uns und unsere Arbeit. Der freie Zugang zu Hospitälern, um das gute Gesicht von ISAF zu zeigen, ist heute nicht mehr möglich.

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Die Angehörigen des Sanitätseinsatzverbandes verfügen über eine breite Palette an Erfahrungen aus früheren Einsätzen. Einige Kameraden stellen fest, dass sie im Gegensatz zu früheren Jahren im ISAF-Einsatz leider mehr Kriegsverletzte versorgen müssen. Wie gehen Ihre Mitarbeiter mit dieser Situation um?

Die Sanitäter an sich sind ja durch ihre Aufgabe, die Gesundheit zu erhalten oder wieder herzustellen, immer für die anderen da. Sie stehen genau dafür in Bereitschaft. Sie sind schlicht und ergreifend Profis. Meine Mannschaft ist sehr erfahren. Und wenn diverse Prozeduren ablaufen, reagieren die Soldatinnen und Soldaten mit Gelassenheit, in dem Vertrauen auf das eigene Können und auf die Ausstattung unseres Hospitals. Danach kann es aber schon vorkommen, dass einige der Soldaten merken, dass sie einer besonders hohen psychischen und auch physischen Belastung ausgesetzt waren. Für die psychologische Nachsorge wird aber eine Menge getan. Natürlich merkt aber jeder hier, dass wir im Gegensatz zur Anfangszeit des ISAF-Einsatzes fast täglich Kriegsverletzte behandeln müssen.

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Sie versorgen aber nicht nur ISAF-Soldaten, sondern auch afghanische Patienten?

Natürlich. Wir versorgen unter anderem ANA-Soldaten und Polizisten. Ihnen bieten wir den gleichen Service wie den ISAF-Soldaten. Wenn Not am Mann ist, dann gehen auch für die Rettung eines verwundeten ANA-Soldaten die Hubschrauber in die Luft. Das ist auch eine Frage der Ehre, wie ich finde. Zusätzlich behandeln wir aber auch afghanische Zivilisten im Einsatzlazarett, soweit unsere Kapazitäten das erlauben.

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Welchen Umfang hat die psychologische Betreuung Ihrer Soldaten vor Ort?

Wir verfügen im Sanitätseinsatzverband über geschultes Personal, das mit einem Traumatisierten zusammen in der Lage ist, negativen Entwicklungen wirksam entgegen zu treten. Zudem werden in der Klinik an sich an Tagen, an denen Soldaten mit besonders viel Leid konfrontiert wurden, abendliche Gesprächsrunden, zusammen mit dem Militärpfarrer, organisiert. Auch der Kompaniefeldwebel der Klinikkompanie spielt als „Mutter der Kompanie“ dabei eine wichtige Rolle. Das ist im Grunde die Erste Hilfe, die wir betroffenen Soldaten anbieten. Diese Gesprächskreise werden mittlerweile routinemäßig angesetzt, wenn ein besonderes Ereignis stattfand. Es ist ganz besonders wichtig, dass niemand seine Probleme in sich „hineinfressen“ muss, sondern Menschen da sind, die zuhören können. Viele Ärzte und Sanitäter kennen derartige Verfahren aber auch schon aus ihren Verwendungen aus Deutschland, in denen die Konfrontation mit menschlichem Leid für sie an sich nichts Neues ist.

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Also handelt es sich für viele Ärzte und Sanitäter um bereits Erfahrenes, das sich im Afghanistan-Einsatz lediglich durch andere Verletzungsmuster unterscheidet?

Im Prinzip: ja. Dennoch gibt es viele jüngere Kameraden, die zum ersten Mal im Einsatz sind und auch zum ersten Mal mit derartigen Bildern in Berührung kommen. Nicht außer Acht zu lassen ist außerdem die Tatsache, dass schwere Verletzungen, die behandelt werden müssen, hier an der Tagesordnung sind. Hier sind wir Vorgesetzten in einer besonderen Pflicht, auf die uns anvertrauten Frauen und Männer ganz besonders zu achten. Meine Offiziere verfügen dabei über eine besondere Sensibilität, um zu erkennen, wenn Soldaten Hilfe, sei es auch nur durch ein Gespräch, benötigen sollten.

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Sie verfügen mit dem Feldlazarett über eine umfangreiche Diagnostik und Ausstattung. Welchen Standard im Vergleich zur medizinischen Versorgung in Deutschland bieten Sie den Soldaten im Einsatz?

Der Standard, den wir bieten, ist der gleiche. Auch die Fachärzte, die hier im Einsatz arbeiten, decken das relevante Spektrum wie in Deutschland ab. Ein besonderer Vorteil bei uns ist allerdings die unmittelbare Zugänglichkeit der Fachärzte. Mit dem Gang ins Einsatzlazarett haben sie auf kleinem Raum und sehr schnell alle erforderlichen Fachleute zur Stelle. Dieser Umstand ist so in Deutschland nicht vorhanden. Daher denke ich, dass die Soldaten auch mit der allgemeinmedizinischen Versorgung im Einsatz sehr zufrieden sein können.

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Um außerhalb der Feldlager verletzte oder verwundete Soldaten schnellst möglich ins Feldlazarett evakuieren zu können, verfügen Sie auch über die Fähigkeit des Lufttransports. Betrachten Sie Ihre derzeitigen Kapazitäten als ausreichend?

Dadurch, dass wir heute wesentlich mehr in der Fläche operieren müssen, ist der Unterstützungsbedarf deutlich gestiegen. Sinnvoll wären zusätzlich zum vorhandenen Fluggerät mehrere leistungsstarke Hubschrauber, die Tag und Nacht eingesetzt werden können und einen größeren Aktionsradius als bisher erlauben. Unsere bewährte CH53 ist für manche Einsätze zu groß und der Wartungsaufwand ist enorm. Für fast jede Einsatzplanung ist die Verfügbarkeit von Hubschraubern ein entscheidendes Kriterium.

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Herr Oberstarzt, vielen Dank für das Gespräch.

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Stand vom: 02.12.13 | Autor: 


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