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Der Sanitätsdienst auf der Zielgeraden - Teil zwei

Interview mit dem Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Dr. Kurt-Bernhard Nakath. Zweiter Teil.

Generaloberstabsarzt Dr. Kurt-Bernhard Nakath im Gespräch mit Sanitätssoldaten

Generaloberstabsarzt Dr. Kurt-Bernhard Nakath im Gespräch (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr / Fransen)Größere Abbildung anzeigen

Herr Generalarzt, Sie sprachen die Konkurrenzsituation auf dem Gesundheitsmarkt und die demografische Entwicklung bereits an. Wie will der Sanitätsdienst der Bundeswehr zukünftig ausreichend qualifizierten Nachwuchs für seine Laufbahnen gewinnen?

Lassen Sie mich an dieser Stelle etwas weiter ausholen. Vielschichtige Entwicklungen im zivilen Gesundheitssystem haben zu einem stetig zunehmenden Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte im In- und Ausland geführt, die anderen Heilberufe sind von dieser Entwicklung bislang noch nicht betroffen. Die Zahl der Stellenangebote für Ärztinnen und Ärzte im klinischen und ambulanten Bereich sowie im Bereich Medizinmanagement übersteigt die Zahl der qualifizierten Bewerber bereits heute und wird mit dem absehbaren Ausscheiden von 75.000 Ärzten aus der Berufstätigkeit bis zum Jahr 2015 zu einem manifesten Ärztemangel führen.

Daneben hat die Einführung des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst zu einer signifikanten Vergrößerung der Netto-Einkommensdifferenz zwischen den Grundgehältern von Sanitätsoffizieren und zivilen Ärzten geführt. Diese Einkommensdifferenz wird durch Einmalzahlungen, höhere Vergütung von Überstunden und Bereitschaftsdiensten noch vergrößert. In einigen Fällen wird hoch qualifiziertes ärztliches Personal bereits übertariflich entlohnt. Natürlich hat auch der Sanitätsdienst der Bundeswehr seine Stärken. Wir können hervorragende Aus-, Fort- und Weiterbildungsbedingungen, beispielhafte materielle Ausstattung unserer Versorgungseinrichtungen und ärztliches Arbeiten unter vergleichsweise geringem wirtschaftlichen Druck anbieten.

Drei Sanitätsoffiziersanwärter liegen im Anschlag

Sanitätsoffiziersanwärter (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr/Tautz)Größere Abbildung anzeigen

In den vergangenen sechs Jahren ist es uns daher gelungen, jährlich rund 230 Sanitätsoffizieranwärterinnen und -anwärter sowie 65 bis 70 approbierte Heilberufler als sogenannte Seiteneinsteiger einzustellen und die Zahl der Sanitätsoffizieren um rund 300 zu vergrößern. Auch wenn die Zahl der Bewerbungen für die Einstellung als Sanitätsoffizieranwärter in den letzten beiden Jahren zurückgegangen ist, sehe ich hier aktuell keine Probleme - das Bewerbungsaufkommen ist ausreichend. Leider ist in 2008 das Interesse von Ärztinnen und Ärzten an einer Verpflichtung bei der Bundeswehr deutlich zurückgegangen. Vor diesem Hintergrund sowie den zunehmenden Personalverlusten können wir unser Planungsziel für das Jahr 2010, den Aufwuchs um ca. 400 weitere Sanitätsoffiziere, wahrscheinlich nicht mehr realisieren.

Für die Laufbahnen der Unteroffiziere des Sanitätsdienstes ist das Bewerberaufkommen zufriedenstellend. Für ausgewählte Verwendungen, wie z. B. Rettungsassistenten, kann durch die Beendigung der zivilen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen zwar bereits in diesem Jahr die Stellenbesetzung zu über 80% der für 2010 geplanten Umfänge abgeschlossen werden, die Regeneration pflegerischer Fachberufe mit besonders zeitintensiven Ausbildungsanforderungen wie beispielweise OP-Pfleger oder Fachpfleger Anästhesie-/ Intensivmedizin benötigt jedoch ihre Zeit.

Zwei Soldatinnen besprechen den Gesundheitszustand eines Patienten

Zwei Soldatinnen (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr/Schandert)Größere Abbildung anzeigen

Dies ist der wesentliche Grund, weshalb der unerwartet rasche Verlust von Zivilpersonal insbesondere an den Bundeswehrkrankenhäusern noch nicht unmittelbar und nahtlos durch militärisches Personal kompensiert werden kann. Überdurchschnittliche Einsatzbelastungen bei Soldaten aus Mangelqualifikationen wie z. B. der Fachpfleger und Medizingerätetechniker sind leider die Folge. Ich betone erneut: Wir werden langfristig nur dann qualifiziertes Personal in ausreichendem Umfang gewinnen, wenn es uns gelingt, die Streitkräfte und den Sanitätsdienst der Bundeswehr als attraktiven Arbeitgeber zu positionieren.

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Mit welchen Maßnahmen könnte dies erfolgen? Welche Schritte werden unternommen, um den Sanitätsdienst attraktiv nach innen und außen zu gestalten?

Eine Reihe von Maßnahmen zur Steigerung der Laufbahnattraktivität und Arbeitszufriedenheit wurde in den zurückliegenden Jahren bereits umgesetzt. Lassen Sie mich hier beispielhaft die Flexibilisierung der Verpflichtungszeiten von Soldatinnen und Soldaten auf Zeit, die Dotierungsverbesserungen im kurativen Bereich sowie die Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Dienst z. B. durch Teilzeitbeschäftigung nennen. Um bei der langfristigen Bindung und Gewinnung qualifizierter Sanitätsoffiziere nicht weiter ins Hintertreffen zu gelangen, habe ich dem Bundesminister der Verteidigung u. a. die kurzfristige Einführung finanzieller Verbesserungen für kurativ tätige Sanitätsoffiziere Arzt vorgeschlagen. So wurde eine monatliche Zulage in Höhe von 600 Euro für Sanitätsoffiziere Arzt, die als Gebietsarzt qualifiziert und eingesetzt oder zur Inübunghaltung als Rettungsmediziner verpflichtet sind, in den Entwurf des Dienstrechtsneuordnungsgesetzes eingebracht.

Dies ist meines Erachtens ein erster, wichtiger Schritt. Jedoch sind unter dem Aspekt der Konkurrenz um qualifiziertes ärztliches Personal am Gesundheitsmarkt weitere insbesondere finanzielle Anreize und Verbesserungen zu prüfen, um gerade das bereits zeitaufwändig und kostenintensiv ausgebildete ärztliche Fachpersonal längerfristig zu binden. Der Bundesminister der Verteidigung hat deshalb eine abteilungsübergreifende ministerielle Arbeitsgruppe eingerichtet, die zukunftsweisende Vorschläge zur Verbesserung der Attraktivität und Funktionalität im Sanitätsdienst der Bundeswehr erarbeiten soll. Mir war es ein Anliegen, dass in diese Arbeitsgruppe auch Vertreter des zivilen Gesundheitssystems mit einbezogen werden, um deren Kompetenz für die Entwicklung innovativer Ideen zu nutzen. Die erste Sitzung der Arbeitsgruppe wird Anfang Dezember 2008 stattfinden. Auch hier gewinnt der Aspekt der Wettbewerbsfähigkeit angesichts der zivilen Mitbewerber um Personal wie auch um Patienten zunehmend an Bedeutung. Anders als in nahezu allen anderen Bereichen der Streitkräfte müssen wir uns hier ganz unmittelbar einem Konkurrenzkampf stellen, der ein hohes Maß an Reaktionsvermögen erfordert. Nur wenn es gelingt, unsere hohe Behandlungsqualität auch zuverlässig und in kontinuierlichem Umfang anzubieten, werden wir auf Dauer erfolgreich bleiben. So ist es zum Beispiel dringend erforderlich, das Instrumentarium zur Kompensation temporärer Personalengpässe an Schlüsselpositionen unserer Krankenhäuser so zu gestalten, dass die Behandlungs-, Ausbildungs- und Weiterbildungskapazität sowie die Reputation als zuverlässiger Partner im regionalen Versorgungsnetzwerk erhalten bleibt.

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Ist der Sanitätsdienst auch für seine Reservisten attraktiv?

Die Transformation der Bundeswehr mit ihrer Hinwendung zur Einsatzorientierung und Abkehr von eigenständigen Reservestrukturen hat viele unserer hoch engagierten Reservistinnen und Reservisten besonders betroffen. Wir haben inzwischen unsere neuen nicht aktiven Verstärkungselemente aufgestellt und eine große Zahl unserer besonders aktiven Reservistinnen und Reservisten hierhin umbeordern können.

Jedoch liegt noch immer viel Arbeit vor uns, da wir unter dem Aspekt der Unterstützung der aktiven Truppe im gesamten Aufgabenspektrum die gesamte Ausbildungslandschaft für unser nicht aktives Personal neu gestalten und auch die Übungstätigkeit der Verstärkungselemente im Verbund mit den Aktiven intensivieren müssen.

Hierzu habe ich angewiesen, einige besonders erfahrene Reservisten in die weiteren Arbeitsschritte einzubinden und uns so deren Know-how für die weitere Transformation unserer Reserve zu Nutze zu machen. Denn eins steht für mich fest: Der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr ist mehr denn je auf die Mitwirkung seiner Reservistinnen und Reservisten angewiesen. Dass dies keine leere Worthülse ist, beweist die Tatsache, dass bereits heute 8% des Sanitätspersonals im Einsatz aus der Reserve des Sanitätsdienstes gestellt wird. Deshalb und auch wegen unseres großen Unterstützungsbedarfs im Inland werden wir weiter um die Mitarbeit unserer Reservistinnen und Reservisten werben und diesen interessante und fordernde Tätigkeiten und Laufbahnperspektiven im Zweitberuf Sanitätsoffizier, Offizier im Sanitätsdienst oder Sanitätsfeldwebel bieten.

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Sicherlich steht der Mensch im Mittelpunkt, doch die Transformation der Bundeswehr kommt nicht ohne Investitionen in modernes Material aus. Wie ist der Sanitätsdienst hier aufgestellt?

Im Summenzug sehr gut. Die Ausstattung im In- und Ausland mit Medizingerät, dem sogenannten Weißen Gerät, gewährleistet einen hohen Standard. Der Kontakt zur Industrie ist eng. Damit wird sichergestellt, dass wir unsere Bedürfnisse früh einbringen können, uns aber auch rechtzeitig auf neue Entwicklungen einstellen können. Hinsichtlich der lageabhängigen, abgestuften Einsatzinfrastruktur - zeltgestützt, containerisiert, konventionelle Bauweise - haben wir den richtigen Weg eingeschlagen. Damit stellen wir im Einsatz unseren Soldatinnen und Soldaten die der jeweiligen Lage angepassten Einrichtungen zur Verfügung und machen die nur begrenzt verfügbaren mobilen Sanitätseinrichtungen auf diesem Weg rasch wieder für weitere Einsätze frei.

Ein limitierender Faktor, und dies führte ich bereits aus, ist unverändert gegeben. Der geschützte Verwundetentransportraum ist noch immer eine kritische Größe. Wir sind zwar in der Lage, durch den gleichzeitigen Einsatz der Masse unserer verfügbaren Mittel die aktuellen Stabilisierungseinsätze zu unterstützen, allerdings werfen wiederholte Verzögerungen von Seiten der Rüstungsindustrie trotz vertraglich fest zugesichertem Auslieferungszeitpunkt erhebliche Probleme auf. So sollte beispielsweise die Serienversion des Verwundetentransportfahrzeuges DURO BAT, der YAK BAT, bereits im Herbst 2006 aus der Industrie zulaufen. Dies ist nun zwei Jahre her und hat uns gezwungen, zusätzliche Haushaltsmittel in Maßnahmen zur Schutzerhöhung bei älteren und leistungsschwächeren Verwundetentransportfahrzeugen zu investieren, deren Herauslösung aus dem Einsatz wir bereits vorgesehen hatten. Der YAK soll nach jüngster Einschätzung nun noch vor Ende diesen Jahres in ersten Stückzahlen zu uns kommen.

Der sukzessive Zulauf des schweren geschützten Verwundetentransportfahrzeuges BOXER ist frühestens ab 2010 zu erwarten. Erst dann werden wir in der Lage sein, mechanisierte Eingreifkräfte des Heeres mit einem adäquat geschützten Verwundetentransportfahrzeug sanitätsdienstlich auch in high-intensity-Operationen zu unterstützen.

Darüber hinaus hat vor allem der Einsatz in Nord-Afghanistan gezeigt, dass der Verwundetentransport mit kleiner dimensionierten geschützten Fahrzeugen optimiert werden muss. Die zur Zeit zum Einsatz kommenden Fahrzeuge sind zwar klein, wendig und geländegängig, jedoch nicht ausreichend geschützt und zudem an der Grenze ihrer technischen Belastbarkeit angelangt. Durch rasche Umrüstung moderner und leistungsstärkerer Patrouillenfahrzeuge des Typs EAGLE IV zur Funktionalität als Beweglicher Arzttrupp wird es gelingen, diesen besonderen Bedarf für den Einsatz in Nord-Afghanistan ab nächstem Jahr beginnend zu decken. Hier haben Rüstungsindustrie und Militär in hervorragender Weise und äußerst schnell und intensiv zusammengewirkt.

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Herr Generalarzt, was möchten Sie den Angehörigen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr mit auf den Weg in Ihr drittes Jahr als Inspekteur geben?

An erster Stelle steht mein Dank an alle Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sanitätsdienstes, die mit ihrem Engagement, ihrer Leistung und Haltung wesentlichen Anteil daran haben, unseren Sanitätsdienst zukunftsfähig zu gestalten. Ausdrücklich binde ich in diesen Dank diejenigen ein, die darüber hinaus im politischen Bereich, in den Streitkräften und in der Industrie mit uns zusammenwirken. Nur in diesem Verbund schaffen wir die Grundlage, uns auf neue Vorgaben und veränderte Rahmenbedingungen einzustellen und den Sanitätsdienst zielgerichtet weiter zu entwickeln.

Wir sind noch nicht am Ziel, aber auf der Zielgeraden. Auch in den kommenden Jahren werden wir in Teilbereichen sehr stark belastet sein. Im Umgang mit knappen Ressourcen müssen wir unverändert Improvisationsgeschick und Geduld beweisen. Hierbei baue ich weiterhin auf den Leistungswillen und die Leistungsbereitschaft meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - dies darf jedoch nicht überstrapaziert werden.

Zweifelsohne besteht Nachsteuerungsbedarf in den Bereichen Personal, Ausbildung und Beschaffung. Es ist daher wichtiger denn je, dass sich die Angehörigen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr mit ihren Kenntnissen und Ihren Erfahrungen aus der Inlandsversorgung und dem Auslandseinsatz sowie aus den unterschiedlichen Perspektiven der Dienststellen und Führungsebenen aktiv und nachhaltig an der Weiterentwicklung des Sanitätsdienstes beteiligen.

Durch intensive Kommunikation in beiden Richtungen der Hierarchie müssen wir in einer Atmosphäre des Vertrauens und des gegenseitigen Verständnisses die Herausforderungen der Zukunft meistern. Ehrlichkeit, Sachlichkeit und Ausgewogenheit sind hierfür unabdingbare Voraussetzungen. In diesem Zusammenhang setze ich auf Vorgesetzte, die mit sozialer Kompetenz, mit Berechenbarkeit und Glaubwürdigkeit, aber auch mit Kritikfähigkeit, beispielgebend sind.

Von allen Angehörigen des Sanitätsdienstes erwarte ich Charakterfestigkeit, berufliches Selbstverständnis sowie Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein. Die vor uns liegenden Herausforderungen können wir nur gemeinsam meistern.


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Stand vom: 02.12.13 | Autor: 


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