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Meine Geduld hat zugenommen

Diez, 04.08.2010.
Am Rande der sicherheitspolitischen Informationsveranstaltung zum Thema OMLT, habe ich mit Leutnant Dirk Holzhauser gesprochen, der gerade aus dem Einsatz aus Afghanistan als OMLT zurückgekommen ist. Jetzt ist der 35-jährige wieder im Lazarettregiment 21 „Westerwald“ in Rennerod in der Grundausbildungskompanie eingesetzt.

Herr Leutnant, was heißt eigentlich OMLT?

OMLT ist die Abkürzung für Operational Mentoring and Liaison Team, ein Konglomerat aus mehreren Nationen, die integriert und begleitend Aufbauhilfe für die afghanischen Streitkräften leisten. Dazu zählt unter anderem auch die Planung und Leitung von Ausbildungen, überwiegend stehen wir jedoch beratend zur Seite.

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Leutnant Dirk Holzhauser (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Sie sind im Juli, nach 7 Monaten Einsatz zurückgekehrt. Welche Eindrücke haben Sie aus ihrem Einsatz mitgenommen?

Es sind viele unterschiedliche Eindrücke und ich habe eine gewisse Gelassenheit entwickelt, da ich alltägliche Probleme, die wir hier in Deutschland kennen nun auf einer ganz anderen Ebene einstufe. Es sind viele Bilder, die ich dort wahrgenommen habe und die mir in Erinnerung bleiben werden.

Afghanistan ist landschaftlich sehr schön. Mein Eindruck ist aber auch, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben, bis es zu einer endgültigen Einnahme der Struktur durch die afghanischen Streitkräfte und zur Übernahme ihrer eigentlichen Aufgabe, die Sicherheit in Afghanistan zu gewährleisten, kommen kann.

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Sie hatten einen konkreten Auftrag, können Sie uns beschreiben, wie Ihr täglicher Dienst aussah?

Mein Auftrag war es, als Mentor (Ratgeber) für einen Kompaniechef, einer medizinischen Kompanie unterstützend zur Seite zu stehen. Dazu musste ich erst einmal das Vertrauen meines Gegenübers zu gewinnen. Das verhalf mir Vorschläge und Ratschläge, unterbreiten zu können. Es waren Ratschläge bezüglich der Planung, aber auch Schwerpunkte in Materialerhaltung und -bewirtschaftung, Ausbildung, Ausbildungsgestaltung, sowie die Führung von Personal, waren große Gestaltungsfelder.

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Jetzt stellen wir uns das mit unseren westlichen Augen wahrscheinlich nicht so vor, wie es sich in der Realität dargestellt hat. Es herrscht ja auch eine ganz andere Mentalität in Afghanistan, wie unterscheidet sich diese von unserer Deutschen Mentalität?

In Deutschland arbeiten wir sehr stark auf sachlicher und fachlicher Ebene, wobei in Afghanistan die persönliche Ebene und die Beziehungsebene eine sehr große Rolle spielt. Die Familie ist das höchste Gut, ebenso sind die Würde und die Ehre sehr hoch angesiedelt. Das muss man ständig und stetig berücksichtigen. Zum Beispiel darf man niemals einen Vorgesetzten im Beisein von Untergebenen kritisieren. Um eine Beziehung aufzubauen muss man sich auch selbst öffnen und auch offen und ehrlich mit den Menschen umgehen. Dazu gehört auch die Preisgabe von privaten Informationen, sei es Familie, Freunde, Verwandte, soweit dies unter der Sicherheitslage möglich ist.

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Das heißt, die Menschen in Afghanistan kommen nicht direkt auf den Punkt, so wie wir das als Deutsche womöglich gewohnt sind, sondern sie fangen das Gespräch erst mal mit Belanglosigkeiten an. Aber für den Afghanen ist das womöglich gar keine Belanglosigkeit?

Das ist richtig. Der Afghane hat definitiv andere Schwerpunkte, als wir sie setzten. Dienstliche Belange sieht er erst mal nicht als Problem an. Er hat ganz andere Bedürfnisse die essentiell sind, sei es sauberes Trinkwasser oder einfach nur Frieden. Wir hingegen sehen überwiegend den dienstlichen Aspekt. Die Dinge, die wir durchsetzen oder umsetzen möchten, müssen wir lange vorbereiten, wir müssen uns auch überlegen, wie wir es ihm nahe bringen und ihn überzeugen. Manchmal gelingt es, wenn wir es ihn selbst erarbeiten lassen, und er am Ende die eigene Idee umsetzt. Um das Ganze nach vorne zu bringen und ihn in seiner Arbeit, die er leistet zu bestätigen, versuchen wir ihn durch Außeneinwirkungen und Lob von anderen zu honorieren.

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Wie schaffen sie es, dass die Nachhaltigkeit in der Ausbildung erreicht wird, dass erreichte Standards auch immer weiter gegeben werden und somit erhalten bleiben?

Die Situation die ich vorfand war nicht optimal. Wir sind überein gekommen das Ausbildungsprinzip Ausbilden der Ausbilder zu forcieren, um die Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Das bedeutet also, dass ein besonderes Augenmerk auf Ausbildungsstrukturen, Planungsstrukturen, Methodik und Didaktik und die Wissensvermittlung gelegt werden musste. Weiter haben wir uns auf die Soldaten abgestützt, die lesen und schreiben können. Diese Personen können das Erlernte später nachlesen. Bei allen anderen sind wir auf wiederkehrende Ausbildungen angewiesen. Ziel ist es, dass die afghanischen Soldaten ihre gesamte Ausbildung selbst bewerkstelligen können.

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Sie waren der Berater eines Kompaniechefs und haben dem immer über die Schulter geschaut und ihn beraten und unterstützt. Gibt es denn auch etwas, was Sie aus dem Einsatz mitgenommen haben?

Meine Geduld hat definitiv zugenommen, hätte sie das nicht getan, dann hätte ich den Einsatz wahrscheinlich nicht ohne psychischen Schaden (lacht) überstanden. Man wird also sehr auf die Geduldprobe gestellt. Wenn man das ganze reflektiert, dann kann das schon einen großen Sinn machen und das ist auch ein großer Zugewinn für meine Persönlichkeit, dass ich geduldiger und gelassener an gewisse Dinge heran gehe, wenn sie nicht lebensbedrohlich oder gesundheitsbedrohlich sind.

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Was möchten Sie Ihren Kameraden, die den Einsatz unmittelbar vor sich haben mit auf den Weg geben?

Das ist eine schwierige Frage. Sie sollten sich frei von Erwartungen machen und ihre Erwartungshaltung möglichst zurück schrauben. Zudem sollten sie lernen, sich in Geduld zu üben, denn diese werden sie brauchen.

Das Interview führte Major Matthias Frank.

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Stand vom: 02.12.13


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