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Ein Geruch wie Zimt - Großschadensereignis mit Natriumselenit in Leer

München/ Koblenz/ Uplengen, 31.07.2015.
Erst war es ein ganz gewöhnlicher Dienst als Notarzt an einem Samstag in Leer, Ostfriesland. Plötzlich war es ein Großschadensereignis mit 220 kontaminierten Personen und einem ratlosen Krisenstab. Für gewöhnlich sitzt Oberstarzt Dr. Frank Hengstermann als Referatsleiter an seinem Schreibtisch im Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr in Koblenz. Wann immer möglich, nutzt er die Gelegenheit und ist als Notarzt im Rettungsdienst unterwegs. Auch in Leer, seinem früheren Standort.

Großeinsatz für die Rettungskräfte nach Gefahrstoffunfall in Paketdiensthalle

Großeinsatz für die Rettungskräfte nach Gefahrstoffunfall in Paketdiensthalle (Quelle: Feuerwehr Landkreis Leer)Größere Abbildung anzeigen

Am Samstag, den 25. Juli 2015, geht um 11.00 Uhr ein Notruf ein. Im Verteilerzentrum eines privaten Paketdienstes in Uplengen ist am Morgen ein Paket beschädigt worden. Die Arbeiter interessiert das nicht weiter. Drei kostbare Stunden vergehen. Dann bemerken sie einen stark aromatischen Geruch, ähnlich wie Zimt, der aus dem Paket entweicht. Der Packzettel gibt einen Hinweis auf die Gefährlichkeit des Inhalts: Natriumselenit. Endlich werden die Rettungsdienste verständigt. Dabei hätte das giftige Pulver so gar nicht verschickt werden dürfen. Maximal 500 Gramm, als Gefahrgut deklariert, wären zulässig gewesen. Hier ist es ein 25 Kilo schweres Paket!

Oberstarzt Dr. Frank Hengstermann nutzt jede Gelegenheit, um als Notarzt im Rettungsdienst seine Kompetenzen aufrecht zu erhalten

Oberstarzt Dr. Frank Hengstermann nutzt jede Gelegenheit, um als Notarzt im Rettungsdienst seine Kompetenzen aufrecht zu erhalten (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr/ Klein)Größere Abbildung anzeigen

Als Dr. Hengstermann eintrifft, übernimmt er die Rolle des Leitenden Notarztes. Arbeiter, die nahe am Paket gearbeitet haben, klagen bereits über Atembeschwerden. Jetzt ist guter Rat teuer. Es stellt sich heraus, dass alle, die mit dem Paket unmittelbar in Berührung gekommen sein konnten, noch vor Ort sind. Durch die große Verzögerung zwischen der Öffnung des Paketes und der Alarmierung der Einsatzkräfte hat aber eine hohe Zahl möglicherweise ebenfalls gefährdeter Personen das Gelände bereits verlassen und weiß nichts von einer potentiellen Gesundheitsgefährdung.

Großeinsatz der Rettungskräfte in Uplengen

Großeinsatz der Rettungskräfte in Uplengen (Quelle: Feuerwehr Landkreis Leer)Größere Abbildung anzeigen

Gefährlichkeit der Chemikalie unbekannt

Der Krisenstab nimmt seine Arbeit auf. Die zentrale Frage: Wie giftig ist der Inhalt des Paketes, welche Maßnahmen müssen getroffen werden? Alle Augen richten sich auf den Notarzt. Das Telefonat mit dem Giftnotruf bringt die Erkenntnis, dass über den Stoff Natriumselenit nur wenige Informationen vorliegen. Feuerwehr und Polizei sind ratlos. Ergreifen sie keine oder zu geringe Maßnahmen, kann das die Gesundheit der Betroffenen maßgeblich beeinträchtigen und im Extremfall sogar Menschenleben kosten. Schlagen sie aber Alarm, und es gibt gar keine Bedrohung, sind sie blamiert und viel Geld verschwendet. Die Zusammenarbeit der Führer der Rettungsdienste ist tadellos und kooperativ, man spricht miteinander und diskutiert ruhig die Optionen.

Laborarbeit mit Giftstoffen

Laborarbeit mit Giftstoffen (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr/Henning)Größere Abbildung anzeigen

Experten der Bundeswehr unterstützen

Notarzt Hengstermann hat die zündende Idee. Beim Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr (InstPharmToxBw) in München sitzen Fachexperten aus dem Bereich des Medizinischen C-Schutzes. Die Fachärzte für Pharmakologie und Toxikologie sind in erster Linie Ansprechpartner bei Schadensereignissen im militärischen Bereich, können aber auch bei Großschadensereignissen im zivilen Bereich unterstützend beraten. Innerhalb weniger Minuten kommt ein Gespräch mit Oberfeldarzt Dr. Dirk Steinritz zustande.

Was ist Natriumselenit?

Natriumselenit wird in der chemischen Industrie, z.B. bei Färbeprozessen, eingesetzt. Es ist ein kristalliner Feststoff, der nach dem Einatmen zu akuten Atembeschwerden führen kann. Diese können aber auch erst Stunden später auftreten. Bei Hautkontakt kann es zu Reizungen, also Hautrötungen oder Blasenbildung kommen. Wie genau Natriumselenit im menschlichen Körper wirkt, ist nicht bekannt. Daher steht kein direktes Gegenmittel zur Verfügung. In Tierversuchen hat sich gezeigt, dass es durch Natriumselenit zu einem lebensbedrohlichen toxischen Lungenödem kommen kann. Dabei sammelt sich Flüssigkeit in der Lunge, was die Atmung erschwert und schließlich verhindert. Der Toxikologie empfiehlt einen sofortigen Wechsel der Kleidung sowie eine intensive Dusche, um einen weiteren Kontakt mit dem Natriumselenit zu verhindern.

Ein langer Tag für die Rettungskräfte

Ein langer Tag für die Rettungskräfte (Quelle: Feuerwehr Landkreis Leer)Größere Abbildung anzeigen

Aufruf über Rundfunk

Jetzt hat Hengstermann eine fundierte Grundlage für seine Empfehlung an den Krisenstab. Und der reagiert angesichts des Gefahrenpotentials von Natriumselenit sofort. Über einen Aufruf im Radio und das Abfahren der Adresslisten des Paketdienstes versucht man, alle gefährdeten Personen zu informieren. Eine nahe gelegene Turnhalle wird als Einschleusungseinrichtung gewählt, eine Dekontaminationseinrichtung aufgebaut. Das Bundeswehrkrankenhaus Westerstede bereitet sich derweilen auf die Aufnahme von Schwerverletzten vor. Hier ist eine Maximalversorgung möglich. Mehr als 220 Personen werden untersucht, davon 50 Rettungskräfte. Zwölf müssen zur Beobachtung ins Krankenhaus. Die Aktion läuft bis in die frühen Morgenstunden. Dann ist klar: Leer ist noch einmal davongekommen.

Arbeit mit moderner Ausstattung

Arbeit mit moderner Ausstattung im Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr (Quelle: Sanitätsdienst Bundeswehr/Henning)Größere Abbildung anzeigen

„Ohne die sofort verfügbare, kompetente Information der Bundeswehr hätten wir schlichtweg nicht gewusst, wie wir reagieren sollten. Das InstPharmToxBw war die entscheidende Hilfe für die Zivilbevölkerung in einer Notsituation“, fasst Oberstarzt Hengstermann sein unruhiges Wochenende zusammen.


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Stand vom: 13.08.15 | Autor: Herbert Singer


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